Freitag, 12. Oktober 2012

Jürgen Rath: Kein Frieden auf Helgoland?


Wilhelm Thiessen wartete. Er ruckelte sich im Rollstuhl zu Recht und zupfte an der Decke über seinen Beinen. Dann schabte er sich übers Kinn, es gab ein kratzendes Geräusch. Wieder wartete er. Warten war nicht seine Stärke, immer noch nicht, trotz seiner 87 Jahre.
Endlich schwang die Doppeltür auf. Ein junger Mann kam auf ihn zu. Wilhelm kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Wer bist du?“, fragte er misstrauisch.
Der junge Mann lächelte. „Ich bin Tom, Ihr neuer Betreuer. Ich mache hier mein freiwilliges Soziales Jahr.“
Wilhelm Thiessen überlegte. Wie hieß der andere noch mal, der sonst da war? Schon vergessen! Der hier heißt Tom. Das muss ich mir merken, dachte er. Tom! Komischer Name, früher hießen die immer Thomas.
„Du willst ein Jahr lang alte Männer über die Insel schieben?“, fragte er. „Freiwillig?“
„Ich warte auf meinen Studienplatz. Ich will Arzt werden.“
„Arzt ist immer gut. Was hältst du von Sterbehilfe?“
„Wohin wollen Sie heute, Herr Thiessen?“
„Kannst du überhaupt Rollstuhl schieben?“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Wird schon gehen. Wir brauchen ja nicht aufs Oberland hinauf.“
Am Anleger blieben sie eine Zeitlang stehen und schauten zu den Seebäderschiffen hinüber, von denen gerade die Touristen ausgebootet wurden.
„Eintagsfliegen“, schimpfte Wilhelm, „kommen morgens her und sind abends wieder weg. Bringt aber viel Geld.“
„Wohin geht’s jetzt, Herr Thiessen?“
„Immer nach Norden. – Wenn du weißt, wo Norden ist.“
Auf dem asphaltierten Weg rollten sie am Kai entlang. Wilhelm Thiessen schaute über das Meer, prüfte Windrichtung und Stärke, schätzte die Sichtweite. Dann hob er die Hand, Tom zog die Bremse.
„Schlechtes Wetter, ganz schlechtes Wetter“, verkündete der alte Mann. „Ruhige See und diesige Luft, keine drei Seemeilen Sicht. Gut für Torpedoboote, aber schlecht für uns Fischer.“
Tom schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Torpedoboote mehr.“
Wilhelm machte eine abwehrende Handbewegung, wollte nicht unterbrochen werden. „Ist egal, wie du sie nennst. Die kommen aus dem Nebel herangefegt, Torpedo abgesetzt, und dann sind sie wieder weg. Es hat sich nichts geändert in all den Jahren, wir haben immer noch Krieg.“
„Herr Thiessen, der Krieg ist seit 1945 vorbei!“
Wilhelm blickte zu seinem Begleiter auf. Er konnte ihn nur undeutlich erkennen. Meine Augen werden auch immer schlechter, dachte er.
„Du glaubst wohl, die See schützt uns? Das ist falsch, ganz falsch! Die See lädt zum Raub ein. Sie ist das Aufmarschgebiet für Mord und Totschlag.“
„Da bin ich aber mal gespannt.“
„Erst kamen die dänischen Wikinger, dann die Seeräuber. Und 1864 hatten wir einen richtigen Krieg hier vor Helgoland. Eine Seeschlacht. Die Dänen gegen die Österreicher. Da staunst du: Österreich zur See, klingt wie ein Witz.“
„Ist schon lange her“, sagte Tom gelangweilt.
„Im Jahre 1914 gab’s ein Seegefecht mit den Engländern, und dann noch mal 1917. Da wurden unserer Jungs richtiggehend verheizt, der Tommy hatte ja viel schnellere Schiffe.“
Sie hatten das Ende des Kais erreicht, hier begann der Strand. Tom half dem alten Mann aus dem Rollstuhl. Wilhelm ließ sich auf den Boden gleiten und vergrub die Hände im Sand. Heißer Sand ist gut für die Gichtknoten an den Fingern, dachte er, besser als diese ekligen Matschpackungen.
„Nach dem großen Krieg hatten mein Vater eine Zeitlang Ruhe hier auf der Insel“, sagte er, „da konnte er wieder fischen und seine Familie ernähren. Doch dann kam dieser Anstreicher aus Österreich, der ließ graben und wühlen, wollte einen riesigen Kriegshafen bauen. Wir hatten schon damals das Gefühl, dass es bald wieder losgeht.“
„Was haben Sie im Krieg gemacht?“, fragte der junge Mann mit leichter Neugierde in der Stimme. „Sie waren doch noch ziemlich jung. Wurden Sie eingezogen?“
„Nee, ich war mit meinem Vater auf unserem Fischkutter. Wir waren zwangsverpflichtet. Mussten raus als Vorpostenboot.“
Wilhelm blickte nach Norden, sagt lange Zeit nichts.
„Der Tommy hat uns nicht erwischt, wir waren sehr vorsichtig, wir hatten’s nicht mit Heldenmut und so. Aber wir sind auf eine Mine gelaufen. Wahrscheinlich eine eigene, die trieb im Wasser, die muss sich losgerissen haben. Die hat den Kutter geradezu auseinander gerissen, die zerfetzte uns richtiggehend.“
„Aber Sie haben überlebt.“
„Ich stand zufällig am Heck, ich bin davongekommen. Aber meinen Vater hat’s erwischt, von ihm ist nichts übrig geblieben. Ich flog durch die Explosion ins Wasser, hab mich dann irgendwo festgeklammert, es trieb ja genügend rum, ich glaub, es war das Dach vom Ruderhaus. Nach dem ersten Schreck hab ich gerufen und geschrieen, aber Vater war weg.“
„Sind Sie an Land geschwommen?“
„Ach nee, ich wollte gar nicht zurück, ich wollte weiter suchen. Aber die von dem Schnellboot haben mich nicht gelassen, die haben mich rausgezerrt aus dem Wasser und in der Koje festgebunden. Und so einer in Nazi-Uniform hat gebrüllt, dass er mich vor ein Kriegsgericht schleift, wenn ich wieder ins Wasser springen würde.“
Wilhelms Stimme war leise geworden, er schniefte und rieb sich die Augen. „Na ja, kurz vor Kriegsende wollten ein paar Kollegen mit dem Tommy Kontakt aufnehmen. Damit die unsere schöne Insel nicht kaputt machen, der Krieg war ja eh schon verloren. Aber die Nazis haben das spitz gekriegt. Die haben alle abtransportiert nach Cuxhaven und dort hingerichtet. Am 18. April, drei Wochen vor Kriegsende, stell dir das mal vor.“ Er wischte sich erst die Tränen weg, rieb dann mit dem Ärmel unter der Nase entlang. „Ich weiß das noch ganz genau, das war der Tag, an dem die Engländer unsere Insel bombardiert haben, fast zwei Stunden lang.“
Tom legte dem alten Mann seine Hand auf die Schulter. „Der Krieg ist vorbei“, sagte er, „jetzt ist Frieden. Seit mehr als 60 Jahren.“
Wilhelm blickt ärgerlich zu dem jungen Mann hoch. „Frieden? Ich hab keinen Frieden. Ich hör immer noch die Mine, wie sie hochgeht. Und ich hör immer noch die Sirenen und die Bomben. Manchmal wach ich auf, ganz schwitzig. Und ganz verzweifelt. Weil ich meinen Vater nicht finden konnte im Schlaf.“
„Posttraumatische Belastungsstörung“, sage Tom. Das Wort kam ihm locker über die Lippen, so als hätte er es schon häufig benutzt.
„Nix post, aber traumatisch. Mir geht’s immer dann schlecht, wenn ich die Tagesschau sehe oder Zeitung lese. Bosnien! Kannst du dich daran noch erinnern? Ach nein, du bist zu jung. Aber Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Indonesien, Afrika! Nennst du das Frieden? Frieden ist mehr als ruhig schlafen können, nur weil ein Meer zwischen uns und den anderen liegt.“
„Sie können sich nicht den ganzen Schmerz der Welt auf die Schultern laden.“
Der junge Mann schob den Rollstuhl jetzt nach Süden, dem Anleger zu. Er deklamierte leise ein Gedicht: „Heute rufe ich dir zu, heute kannst du Frieden schaffen, lange widerstrebtest du, nun sei endlich dafür offen.“
„Reimt sich nicht“, schimpfte Wilhelm Thiessen.
„Ist nicht von mir, ist von Uwe Schmidt. Mir gefällt es trotzdem.“
Auf der Hälfte der Strecke hob Wilhelm plötzlich die Hand. Er blinzelte zu dem jungen Mann hinauf. „Wie wäre es mit ein bisschen Sterbehilfe, Herr Doktor? Du schubst mich jetzt mitsamt dem Rollstuhl über die Kaikante. Das sieht wie ein Unfall aus. Dann bin ich wieder bei meinem Vater und habe endlich Ruhe. Und du bist mich los. Und im Heim wird ein Platz frei.“
Der junge Mann riss erschrocken die Augen auf, seine Hand krallte sich um die Bremse. „Nein, das mach ich nicht!“
„Na gut, dann eben nicht.“ Wilhelm schaute seinen Betreuer vorwurfsvoll an. „Was stehst du hier rum? Fahr mich endlich nach Hause. Meine Windel ist voll.“






Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.

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