Freitag, 1. April 2011

Sören Heim: Guernica



„Oh, es war Verrat, Geliebter!
Sie haben uns in die Wüster verbannt, ohne Wasser.
Aber ich glaube, auch in der Einöde kann ein verirrter
Samen treiben“ (Bulbuls Bekenntnisse)

Das rote Tuch! Träumte er wieder? Er sah das rote Tuch oft, im Schlaf, so wie es einst im kühlen, abendlichen Wind geflattert hatte.
Er schlenderte über den Kirchplatz. Er setzte lethargisch einen Fuß vor den andern. Die Straße war staubig, die Luft tief orange. Der Horizont flimmerte zwischen Wänden aus beigem Sandstein. Wie spät mochte es sein? Fünf vielleicht. Die Sonne brannte.

Träumte er? Nein. Er war wach.

Rund um die Mauer: Wüste. Himmel. Geier.
Die Stadt versank im Staub, seit er denken konnte. Das hatte sonst kaum gestört. Das war man gewohnt. Vielleicht war es heißer geworden, seit die Stiere gekommen waren. Vielleicht auch nicht. Fragen.
Er konnte nicht sagen, ob es andere Städte gab. Städte, in denen man freier atmete. Auch hier: Vielleicht.

„Wenn die Luft rein ist, hängt es an der Wäscheleine. Dann kommst du mich besuchen. Du kannst es vom Café aus leicht sehen. Eile, ich warte dann“.
Sie hatte das rote Tuch stets getragen, wenn sie mit den anderen in der Straße musizierte. So war sie ihm aufgefallen. Sie stach noch aus jener bunten Gruppe heraus.
„Sie zu, dass Papa dich nie zu greifen kriegt, hörst du?“

Er lächelte traurig, als er an ihren Vater dachte. Er stand nun inmitten des Kirchplatzes, der ihn kreisrund umschloss. Der Vater war ein Torero gewesen. Klein, aufbrausend, mit Hang zur Cholerik.
„Der Mann war mein schlimmster Alptraum“, erinnerte er sich. Als die Stiere kamen, war er der erste, der starb.
„Wer hätte gedacht, dass ihr Vater sterblich war?“

Früher hatten sie sich auf dem Kirchplatz treffen können, oder im Café Estrela. Man las, man stritt. Man trank und rauchte. Die Stadt war schon immer beengend gewesen, ja. Aber man schlug sich durch.
Wenn ihnen der Sinn nach Abenteuern stand, gingen sie in die Kneipe der Gerber, bei der Mauer. Dort waren die Nächte wild, die Menschen roh. Aber man war ungestört, und man spürte das Leben brodeln.
Nun, der Kirchplatz menschenverlassen, wehten ihn die alten Erinnerungen an. Der Tänzer, die Malerin. Sie konnte jedes Gesicht der Stadt aus dem Gedächtnis zeichnen.
„Es gibt nur zwei Gesichter“, sagte sie immer.
Die drei traurigen Dichter, die nie eigenes Geld verdienten. Und sie natürlich, die Stimme.
Wie sie durch die Menge wirbelte, mit dem ganzen Körper Töne formend. Ihr rotes Tuch ein Schleier von Feuer.
Nur ihretwegen hatte er sich der Gruppe angeschlossen.
Er ging noch ein paar Schritte, blieb wieder stehen. Er rieb sich die Augen. Er zögerte. Er lachte. Verstört, erfreut, ängstlich. Es hing dort, an der Wäscheleine, tatsächlich. Zwischen grauen Lumpen. Das rote Tuch.
Er wollte darauf zustürmen. Er wollte alle Vorsicht vergessen. Doch er blickte sich um, wie ein Verfolgter.
„Sie ist“ flüstert er leise, als könnte ihm jemand zuhören, „wahnsinnig geworden. Das muss es sein. Oder?“

„Wir können es nicht mehr riskieren“, hatte sie gesagt. „Sie riechen die unkeuschen Gedanken, die am Stoff kleben. Es wäre das Ende“.
In der Gruppe hatten sie sich da schon lange nicht mehr getroffen. Als die Stiere gekommen waren, hatte man sich verstreut, versteckt,
verstummte.
Nur vieldeutige Blicke wagten noch auszudrücken, worüber niemand offen sprach. Da hatte der Tänzer längst sein Standbein verloren, und die Malerin angefangen, nur noch schwarze Quadrate zu malen.
Da waren die Gerber schon in den Dienst der Stiere getreten, und hatten ihnen jene zweite Haut geschaffen, die sie unverwundbar machte.
In die Gerber hatte man doch alle Hoffnung gesetzt.

„Und gerade jetzt sollen wir uns das Letzte versagen, wofür es sich zu leben lohnt?“, hatte er sie gefragt. Und sie: „Willst du alles riskieren, für einen winzigen Augenblick der Erfüllung? Willst du den Kampf aufgeben, unseren großen Kampf?“
Glaubte er nicht mehr an Morgen?
Vielleicht hatte er nie an den Morgen nie geglaubt. Vielleicht hatte er vom Kampf nichts verstanden. „Gegen den Staub geht es“, hatten sie gesagt, „und gegen das immer gleiche Geblöke“. Deshalb sangen sie, tanzten sie, schrieben.
Er hatte verstanden, dass die Gerber in dem Kampf eine entscheidende Rolle spielten, weil die Gruppe alleine machtlos sei. Doch vielleicht hatte er sich ihnen auch nur angeschlossen, weil dort die Liebe möglich schien.
„Und selbst dort nicht ganz. Für die wirklich speziellen Stunden hatten wir das rote Tuch“.
Das Tuch. Los, geh schon!

Geh? Nun gab es keine Gruppe mehr. Die Gerber waren Feinde.
Er ließ den Blick schweifen. Noch immer keine Seele auf dem Kirchplatz. Noch immer alle Fensterläden geschlossen. „Willst du alles riskieren, für einen winzigen Augenblick?“
„Ja! Ja! Ja, ich will. Wo doch sowieso die Zeit stillsteht“.
Die drei traurigen Dichter rezitierten jetzt einzig den „Llanto por Ignacio Sánchez Mejías“.
Tag ein, Tag aus.

„Wo doch sowieso die Zeit stillsteht“. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Wo doch sowieso die Zeit still steht“. Er wiederholte den Satz, für sich, wie ein Mantra. Dann begann er zu laufen, langsam erst, dann immer schneller. Er hatte noch keinen Stier angetroffen, heute.
„Aber das heiß nichts, heißt gar nichts“. Sie zeigten sich nur noch selten, sie waren sich ihrer Sache sicher.
Er spürte die Sonne nicht mehr, er rannte nun. Schwitzte er? Vielleicht. Er atmete stoßweise. Er erinnerte sich an ihre erste Nacht. Der Torero war ausgeritten. „Das haben wir für uns, das haben wir nur für uns“, hatte er ihr zugeraunt. Staub drang tief in seine Lungen, es berührte ihn nicht. Der Kirchplatz wurde ihm weit, nur eins zählte. Das Rote Tuch, dort, an ihrer Leine. Wo es früher immer im Wind geflattert hatte. Dort.

Als der heiße, feuchte Atem seinen Nacken umfing, weilte er schon in einer anderen Welt. Er vernahm das Scharren der Hufe. Das Schnauben.
Er streckte die Arme weit aus, er streifte es sanft. Das rote Tuch.
Ihr rotes Tuch.

¡Ay qué terribles cinco de la tarde!
¡Eran las cinco en todos los relojes!
¡Eran las cinco en sombra de la tarde!“



(21,7 P. )

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