Freitag, 1. April 2011

Jenny Bünnig: Ein Stück Geschichte


„Bleibt bitte zusammen!“ „Hör auf zu schubsen!“ „Boah, lass das, Timo!“ „Nimm deine Hand da weg!“ „Leck mich!“ „Wir befinden uns hier in einer der Zellen, die…“ „Selber Arschloch!“ „Könnt ihr euch nicht einmal für einen Moment benehmen und zuhören?“ „Frau Marschalik, der Kerim hat mir meine Tasche weggenommen.“ „Gib Helen ihre Tasche zurück.“ „… hier wurden Gefangene eingesperrt, verhört und gefoltert…“ „Glotz nicht so.“ „Was willst du denn?“ „Jetzt seid doch mal bitte still!“ „Was issn das?“ „Ej, der hat mich angehustet!“ „Willste ein paar aufs Maul?“ „Sascha, das ist die letzte Verwarnung!“ „… viele warteten nur auf ihre Hinrichtung, für die sie auf die gegenüberliegende Straßenseite…“ „Wenn du mich noch einmal anpackst, ich schwör!“ „Phillip und Marco, mir reicht es langsam!“ „Du bist mir auf den Fuß getreten!“ „Halt’s Maul, du Schwuchtel!“ „… oft waren sie hier drin zu zehnt oder sogar zwölft…“

Die Luft war stickig und schmeckte auf meinen trockenen Lippen nach Erbrochenem, nach schwitzenden Körpern, nach Blut und Exkrementen und nach Verzweiflung, Schmerzen und Tod. Ich saß in der hintersten Ecke, zusammengekauert auf dem Boden, die dünnen Arme um die dünnen Beine geschlungen und wiegte mich selbst langsam vor und zurück. Mit dem Rücken hatte ich mich gegen die kalte, feuchte Mauer gelehnt und den Kopf müde und erschöpft gegen eine andere, während sich ein spitzes Knie in meine Seite bohrte und irgendein anderes Körperteil schwer auf meiner Schulter lastete. Es war fast dunkel und wenn ich sie nicht immer wieder gehört, gerochen und gespürt hätte, hätte ich beinahe das Gefühl haben können, ganz allein zu sein. Denn das dämmrige Licht verschlang ihre Körper und ließ nur ihre klagenden Laute, ihr Wimmern und ihr Leid hier drin zurück.

„Bah, was hast du denn da?“ „Guck mal, voll krass!“ „Jacqueline, hör auf damit!“ „Rück mir nicht so auf die Pelle!“ „Hast du sie noch alle?“ „… es gab nicht genug zu Essen und zu Trinken…“ „Oah, Marcel, nimm deine scheiß Chiptstüte aus meinem Gesicht!“ „Sergio und Thomas, zum letzten Mal!“ „Frau Marschalik! Frau Marschalik!“ „Ey, du Missgeburt, pass bloß auf, was du sagst.“ „Wen nennst du hier Missgeburt?“ „Leute, jetzt reißt euch mal ein bisschen zusammen.“ „… viele sind hier drin verhungert…“

Ich rieb meine Schläfe über die unebene Wand, deren harte, raue Oberfläche mir Kratzer und Schürfungen in die Haut riss, doch das nahm ich nicht einmal war. Denn ich konnte nur an die Schmerzen denken, die sich zwischen meinen angezogenen Knien und meinem verkrümmten Rücken ausbreiteten und meinen Magen immer wieder in Wellen krampfhaft zusammenzogen. Mein Mund und mein Bauch fühlten sich an, als hätte ich mich gerade erst übergeben, aber ich konnte mich nicht daran erinnern. Alles in mir fühlte sich trocken und ausgedörrt an. Ich spürte meine Füße nicht und auch nicht meine Fingerspitzen. Ich konnte nicht einmal fühlen, wie mein Atem rasselnd durch meine Brust fuhr. Alles, was ich wahrnahm, war dieser Hunger. Dieser unglaubliche, alles aufzehrende Hunger, der mich von Innen auffraß, sich durch meine Eingeweide kaute und das letzte bisschen Kraft, das ich mir nun schon so lange und so verzweifelt abgerungen hatte, hinab würgte.

„Iihh, Frau Marschalik, der hat sein Kaugummi an die Wand da geklebt.“ „Halt deine Fresse, du scheiß Petze.“ „Jonathan, was habe ich denn gerade eben gesagt?“ „… viele sollten diesen Ort nicht mehr lebend verlassen…“ „Pack mich noch einmal an, Alter!“ „Mustafa, jetzt hab ich aber die Nase voll!“ „Hier sieh mal, da steht Penis. Hihihi!“ „Da steht nicht Penis!“ „Frau Marschalik, die Clara hat Penis gesagt!“ „Schreiben wir darüber einen Test?“ „Jetzt ist mir mein Brötchen runtergefallen!“ „Aua… pass doch auf!“ „Marie-Louise, ich warne dich jetzt zum letzten Mal. Hier drin wird nicht getrunken!“ „… hier nebenan befand sich der Verhörraum, wo es häufig zu brutalen Übergriffen und Folterungen kam…“ „Voll krass!“ „Was heißt denn das?“ „Das da ist bestimmt Blut!“

Jemand neben mir wimmerte leise, aber ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Es war zu dunkel, aber vielleicht lag es auch an meinem rechten Auge. Denn ich war mir nicht sicher, ob ich auf dem überhaupt noch sehen konnte. Es war verquollen. Mir blieb nur noch ein schmaler Spalt, um hindurch zu blinzeln, doch irgendwie konnte ich selbst bei Tageslicht selten mehr als ein paar schemenhafte Umrisse, ein paar grelle Blitze und verlaufene Schatten sehen. Dunkle, dicke Flüssigkeit war am Anfang noch daraus hervor gesickert, doch mittlerweile war diese getrocknet und verklebte als harte Kruste die schmale Öffnung meines Auges. Zunächst hatte ich noch versucht, es anzufassen und es zu betasten, doch meine Finger, Hände und Arme waren zu schwer und zu zittrig und der Schmerz zu unerträglich.

„Haha, guck mal, was Mattes da macht!“ „Ich gib dir gleich ‘ne Kopfnuss, du Sack!“ „Sag das noch mal!“ „Jungs. Jungs. Jetzt reißt euch mal am Riemen!“ „Oh Mann, du bist so ein Loser!“ „… hier an den Wänden seht ihr Nachrichten, die sich die Gefangenen gegenseitig geschrieben haben…“ „Frau Marschalik, Tanja malt da was an die Wand!“ „Halt bloß die Klappe!“ „Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein. Mach das sofort wieder weg!“ „Das geht nicht mehr ab!“ „Haha, jetzt kriegst du richtig Ärger!“ „Ist mir doch scheißegal!“ „Könnt ihr euch nicht einmal benehmen?“ „… viele Nachrichten wurden natürlich vernichtet, aber einige…“ „Wann fährt denn der Bus, Frau Marschalik?“ „Können wir noch in die Stadt zum Shoppen?“ „Wo willst du denn shoppen gehen? In der Übergrößenabteilung oder was?“ „Korrekt, Alter!“ „Ach, du kannst mich mal!“ „Wir sind doch nicht zum Spaß hier! Das ist eine Lehrveranstaltung!“ „… es gibt zwar einige erhaltene Belegungslisten, aber natürlich wissen wir nicht, wer diese Sätze geschrieben hat…“ „Kommt das in der Klausur vor?“

Mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen schloss ich meine Finger um einen kleinen spitzen Stein, den ich in meiner Hosentasche verborgen und nun schon seit Tagen mit mir herumgetragen hatte. Meine Gelenke waren steif gefroren und schmerzten und bogen sich nur langsam um den winzigen Gegenstand in meiner Hand. Aber ich wollte unbedingt etwas schreiben. Ich musste etwas schreiben. Ich musste etwas von mir hier hinterlassen, bevor ich… Unter leisem Stöhnen schob ich mich noch etwas näher an die Wand, denn ich wusste, ich würde meinen Arm nicht lange halten können. Ich setzte die Spitze des Steins auf die Wand und drückte sie in den weichen, nassen Mörtel. Es ging leichter als ich dachte, nur meine Muskeln rebellierten und krampften sich hart zusammen. Ich wusste, was ich schreiben wollte. Schon seit Tagen hatte ich darüber nachgedacht, auch wenn mir meine schwachen Gedanken immer wieder entglitten waren, auch wenn ich sie immer wieder von Neuem hatte aufnehmen müssen. Und schon seit Tagen hatten sich die Buchstaben und Worte zu diesem einen Satz verdichtet. Diesem einen Satz, der mir als einziger Hoffnung gab und an dem meine gesamte Existenz zu hängen schien wie ein Körper, der von einem Strick baumelt.

„Wann ist denn endlich Pause?“ „Frau Marschalik, machen wir auch eine Pause?“ „Ich kann nicht mehr!“ „Das ist voll langweilig!“ „Hier stinkt’s!“ „Das bist du selbst!“ „Wir sind ja gleich durch! Könnt ihr euch nicht noch ein paar Minuten zusammenreißen?“ „… für viele Gefangenen war das hier die letzte Station…“ „Boah, mir tun schon voll die Füße weh!“ „Ey, frag mich mal!“ „Ich will nach Hause!“ „Wie spät haben wir es denn?“ „Sitzt du im Bus wieder neben mir?“ „Verdammt noch mal, jetzt passt endlich auf!“ „Ich hol mir gleich ‘nen Döner!“ „Das darfst du bestimmt nicht!“ „… gleich gegenüber in dem Gebäude auf der anderen Straßenseite wurden viele hingerichtet…“ „Ist mir doch egal!“

Ich konnte in dem Dämmerlicht nicht lesen, was ich geschrieben hatte. Aber wenn ich mit den rauen, rissigen Fingerspitzen über die Wand fuhr, konnte ich es deutlich fühlen – Buchstabe für Buchstabe. Es würde mich nicht retten. Nichts würde mich retten. Aber ich ließ etwas zurück. Und das war in diesem Moment zumindest ein kleiner Trost. Wenn es den für mich überhaupt geben konnte.

„Was steht denn da?“ „Wo?“ „Na, hier!“ „Bestimmt wieder Penis!“ „Frau Marschalik, was steht da?“ „Wo?“ „Na, hier!“ „Die bekommt echt nie was mit!“ „… da steht… Frieden ist mehr… das steht da…“



(23,0 P.)

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