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Donnerstag, 17. Februar 2011

Eine Debatte zwischen Mutter und Tochter über Macht, Geld und Frieden aus "Planet der Pondos"

...
„Stimmt, Mum. Is manchmal besser, wenn man etwas nicht weiß. Die Koom waren jedenfalls glücklich, in einer Welt der Gleichheit und Gerechtigkeit zu leben. Besser als das, was wir kennen. Und damit ist es nun vorbei.“
Deborah schob einen Faserstrang zur Seite. "Das ist doch eine Frage der Nachrichten, die sie bekommen. Die Koom wussten doch bisher den Wert ihrer Individualität überhaupt nicht zu schätzen.“
Uljana wandte ihren Blick wieder von dem Bild des Fabelwesens an der Wand ab. Mochte dieser Drachenhund doch seine Feuerzunge herausstrecken. "Die haben bestimmt mehr Individualität wie die meisten von uns zusammen. Aber darum geht es dir doch gar nicht. Mit Individualität meinst du doch bestimmt dasselbe wie unsere Lehrer damals mit Freiheit. Weißt du noch, was du selbst mir mal dazu erklärt hast? Freiheit hat nur, wer genug Geld hat?“
Deborah legte ihr Besteck zur Seite: "Siehst du, und die Koom hatten vorher überhaupt kein Geld. Also konnten sie keine Freiheit, Individualität oder was auch immer haben.“
Uljana unterbrach sie wütend: "Verscheißern kann ich mich alleine. Ich mein, die Koom haben sich wohlgefühlt so, wie sie gelebt haben.“
„Weil sie nichts Besseres kannten.“
Uljana stand auf und räumte die Teller zusammen. "Ich wäre froh, wenn ich nichts Besseres, wie du es nennst, zu kennen brauchte. Es ist einfach ungerecht. Unser Leben früher auch. Du kannst nicht Gemeinschaften nach dem Überfluss bewerten, den sie auf Kosten Anderer verschleudern.“
Deborah lächelte sie an: "Nein? Wonach dann?“
Uljana kam wieder aus der Küchenbucht zurück und warf sich schwungvoll in einen der Schalensitze. "Оkay. Spielen wir mal durch: Was braucht man denn wirklich so zum Leben?" Sie hob die Hände, um demonstrativ an den Fingern abzuzählen: "Was gegen Hunger und Durst, eine Wohnung, wo sich nicht alle gegenseitig auf der Pelle hocken, das Gefühl, sicher zu leben, Gesundheit, sinnvolle Beschäftigung für jeden, damit er sich wertvoll fühlt und nicht als Assi, gute Bildung, damit du auch wirklich viel Sinnvolles machen kannst, Kultur, damit du mit all deinen vielen Sinnen auch richtig was genießen kannst, Informationen, weil du sonst nichts vernünftig mit entscheiden kannst - eben Möglichkeiten, dich selbst als denkendes und fühlendes Wesen zu entwickeln und zu genießen. ... Hab ich was vergessen? Das kannst du nicht abmessen, sondern entweder hast du es nicht oder du begreifst es nicht oder du hast es im Ganzen. Ich glaube, die Koom hatten das alles schon im Ganzen vor deinem Breckoro.“
Deborah versuchte sich in aller Ruhe zu konzentrieren. "Sieh mal: Was denkst du, sichert ein vernünftiges Leben besser? Unser System mit Märkten und freien einzelnen Individuen, die sich ihren Anteil an der Gesamtmenge des Reichtums erarbeiten können oder deine Kollektivsoße?“
Uljana hatte sich aufgerichtet: "Debbie, ich meine nicht nur für einige, sondern für alle! Das kann nicht funktionieren, wenn die Fabriken einzelnen gehöen. Wahrscheinlich sogar überhaupt nicht, solange alles über Geld geregelt wird. Und was heißt überhaupt erarbeiten? Hat sich dieser Maratin wirklich zehntausend mal mehr erarbeitet als zehntausend andere Menschen?“
Deborah beugte sich ruckartig vor. Nun sehr ungehalten antwortete sie ungewohnt laut: "Aber ohne Geld, ja? Das macht doch faul. Hast du doch an deinen Koom gesehen, wie schnell sie besiegt wurden. Weil sie einfach schwächer waren.“
„Trotzdem war ihr Leben vernünftiger. Die kannten einfach keinen Krieg. Wenn ich deshalb schwächer wäre, wie du es nennst, würde mich das stolz machen." Während sie das sagte, presste Uljana den Lo-Ball in ihrer Kittelschürze zusammen.
Deborah lehnte sich zurück: „Wo hast du denn das nun wieder her?“
„Das finde ich einfach logisch, Debbie. Oder findest du Krieg vernünftig?“
„Uli, du weißt, was ich davon halte, wenn Menschen andere umbringen.“
Nun verschränkte auch Uljana die Arme vor der Brust. Dann stützte sie sich mit den Ellenbogen auf dem flachen Tischchen ab. "Und ich seh das so: Wenn du eine Fabrik besitzt, in der Waffen produziert werden, dann ist für dich vernünftig, dass die jemand braucht, und damit ist für dich eben Krieg vernünftig. Wen der vernichtet, ob Frauen und Kinder oder ob es nachher überhaupt noch Kinder gibt, das ist dir erstmal egal. Das muss dir sogar egal sein. Sonst gehst du natürlich unter.“
„Aber in diesem Krieg hier sind ja wohl außer bei eurer Befreiung kaum Kinder vernichtet worden.“
Uljana, nun noch heftiger: "Na, weil die Koom gar keinen Krieg geführt haben.“
„Weil sie nicht in der Lage waren, einen Krieg zu führen."
Entrüstet hob Uljana ihre Stimme. Und du meinst, die bessere Gesellschaft ist die, die Krieg führen kann?“
„Jedenfalls besser, als sich nicht verteidigen zu können.“
Uljana hatte die Arme wieder auseinander genommen und sich aufgerichtet. "Wie toll. Ich möchte aber, dass ein jeder so denken darf, dass er allen nützt. Und sich dafür nicht zu verteidigen braucht.“
„Wieso? Darfst du denn hier nicht denken?“ fragte Deborah spitz.
Darauf erwiderte Uljana: "Verstehst du mich nicht oder willst du mich nicht verstehen? Ich habe sogar Angst, das, was in meinem Kopf herumspukt, zu Ende zu denken. Damit passe ich natürlich nicht in unsere kleine Menschengesellschaft hier. Und in die Weihwelt auch nicht."
„Erklär sie mir doch, deine Traumwelt!“
Nervös ging Uljana in die Küchenecke, ließ das Wasser laufen, wischte über einen sauberen Teller, legte ihn zur Seite. "Мensch, Debbie, einmal angenommen, ich hätte früher ungeheuer viel in die Entwicklung gesteckt, um einen Schädling zu bekämpfen - mein Geld, verstehst du? - und dann hörte ich, dass mein Zeug die Umwelt zerstört. Sollte ich da sagen, tut mir Leid, vergessen wir die Sache? Oder wäre ich mir nicht auch vernünftiger vorgekommen, wenn ich ahnungslose Abnehmer gefunden hätte, weit genug von mir oder meinen eigenen Kindern entfernt, die mir meine Forschung und noch etwas mehr bezahlten? Damit die draufgehen und nicht mein Geld? Weißt du, ich versteh die Typen, die das gemacht haben. Die haben ganz vernünftig an sich selbst gedacht. Ich will aber nicht so werden. Wir haben erlebt, wie es ausgegangen ist, aber hier fangen wir genauso an, kaum dass wir angekommen sind. Ohne mich, bitte! Und trotzdem will ich kein Verlierer sein.“
„Ach Uli, wenn die Welt doch so einfach wäre: Da die Guten, dort die Bösen. Aber du musst doch leben, wo du hinein geboren bist. Auch deine Koom werden sich anpassen. Verlass dich drauf. Schließlich haben die Weih die Macht.“
Einer der kleinen Teller war Uljana aus der Hand gefallen. Er zerbrach nicht; nur die Kante, mit der er auf den Boden aufgekommen war, knickte an. Ganz kurz dachte Uljana, dass die Teller wohl aus diesen merkwürdigen Farnen hergestellt wurden. "Nein, die Koom werden sich nicht anpassen, Debbie! Ein paar vielleicht. Es gibt überall Anschleimer. Aber die meisten werden es nicht. Die haben natürlich ganz tief drin Generation für Generation erfahren, dass es anders geht. Die verwandelt kein Geld mehr in reißende Wölfe."
„Uljana! Bin ich ein reißender Wolf für dich?“
„Ach, Debbie, so hab ich das doch nicht gemeint. Aber ich möchte trotzdem nicht werden wie du. Ich möchte mich nicht anpassen an die Wölfe. Egal wie sie aussehen. Ob wie Menschen oder wie Pondos.“
Anstatt, wie sonst, wenn sie unterschiedliche Ansichten gehabt hatten, zum Schluss ihre Mum zu umarmen, stürzte Uljana aus dem Zimmer. Deborah lief ihr nicht hinterher. Sie rief sie auch nicht. Sie hielt sich nur die Hände vors Gesicht. So weit war es also gekommen. Zum ersten Mal sagte ihre Tochter, sie wolle nicht werden wie sie. Aber hatte sie das nicht vor vielen Jahren auch zu ihren Eltern gesagt? Klar. Nur hatte sie zu denen vorher ein weniger enges Verhältnis gehabt als Uli zu ihr. Und ihre Eltern hatten Recht behalten. Wie hatten sie gesagt? Wir verdienen das Geld, damit du dir diese Flausen leisten kannst. Du wirst sehen, wenn du erst einmal Kinder hast, sieht du das ganz anders …

Samstag, 4. Dezember 2010

Slov ant Gali: Abea (Teil 3 + Schluss)


Sam und Samantha bemerkten in ihrem erwartungsvollen Glück die Angst in Abeas Augen nicht.
Auf das Schwesterchen freute sie sich. Die Mum war ganz anders, wenn sie, Abea, an ihrem Bauch horchen wollte, was denn das Kleine darin so empfinde. Stundenlang hörte Samantha dem Mädchen zu, wenn es so lustig die angeblich gerade erlauschten Gedanken des künftigen Schwesterchens nacherzählte.
Nein. Das war es nicht.
Aber die Klasse hatte sich verändert.
Abea war Hobbes lange aus dem Weg gegangen. Das, was sie an Gedanken aus seinem Kopf hörte, quälte sie. Was konnte sie denn dafür, dass sein Vater von dort unten die tödliche Krankheit, ihr Dad dagegen sie mitgebracht hatte?
Dann merkte sie, dass sie immer mehr Mitschüler mieden. Wie eine Fahne zog sie den Titel „Schwarze Hexe" hinter sich her. In ihrer Gegenwart sprach ihn niemand aus, aber das war vielleicht noch schlimmer: Es aus den zurückgebliebenen Gedanken der anderen lesen zu müssen, wie sie in ihrer Abwesenheit über sie hergezogen waren.
Hobbes war größer, älter und kräftiger als die anderen. Auf dem Heimweg von der Chorstunde, die jetzt auch keine richtige Freude für Abea mehr war, stand er plötzlich mit fünf anderen Jungs vor ihr. „Na, Cleopatra, bist du eigentlich beschnitten? Ihr Araberweiber sollt ja so scharf sein, dass ihr es anders nicht aushalten könnt. Na, ich beschneide dich gern. Wo auch immer."
Sie hörte die anderen denken, lass den Quatsch, was soll das! Aber keiner sagte etwas. Sie konnte sich losreißen, rannte, rannte, rannte.
Zu Hause redete gerade die Mutter von Samantha auf Abeas Pflegeeltern ein, ohne das Kind in der Tür zu bemerken: „... Wir haben dreißig Rollen bekommen. Wir dachten, am Wochenende tapezieren wir zusammen. Rosa Wölkchen. Sind die nicht niedlich?"„In der Schule häufen sich in letzter Zeit die Fälle von ... Also, wenn es nicht so verrückt klänge, dann würde ich sagen Strahlenkrankheit. Genau genommen betrifft das die ganze Klasse Ihrer Tochter bis auf ... na, eben bis auf Ihre Tochter selbst."„
Samantha hatte sich erhoben.
Mrs. Widerman war ebenfalls aufgestanden.
Das kann ja wohl nicht wahr sein."„Ich glaube es natürlich auch nicht. Aber an mich ist von mehreren Eltern die Bitte herangetragen worden, mit Ihnen zu sprechen. Sie mögen Ihr Kind aus unserer Schule nehmen. Wie gesagt, das ..."„
Samantha stürmte wutentbrannt heim. Kurz vor ihrem Haus traf sie ein Stein in der Nierengegend.
Stumm horchte Abea an Samanthas Bauch, dort wo jetzt nichts mehr zu hören war. Sie spürte die Hand der weinenden Mutter auf ihrem Kopf, aber sie hörte auch deren Gedanken.
Wenn du nicht wärst, dann wäre bald mein eigenes Kind da.
Leise war hinter ihnen die Tür aufgegangen. Müde warf Sam seine Tasche in eine Ecke, so dass sich „seine beiden Frauen" erwartungsvoll zu ihm umdrehen.
Ich versteh schon! Auf Wiedersehen!"„
Das Mädchen sprang auf, lief die Treppe hinauf, schloss sich in ihr Zimmer ein, warf sich aufs Bett und prügelte mit der Stirn auf das unschuldige Kopfkissen ein.
Oh, könnte sie doch endlich die fremden Gedanken von sich fern halten. Nein sie war kein Monster! Nicht einmal „Unser Monster", wie in Mums Gedanken! Nein, das schon gar nicht.
Abeas Werte sind jetzt okay. Burkland konnte nicht die geringste Radioaktivität mehr in ihren Zellen feststellen."Am nächsten Morgen stiegen nur noch vereinzelt Qualmwölkchen aus dem niedergebrannten Haus der Mc Faddens. Samuel Mc Fadden hielt seine zitternde Frau in den Armen. „Nicht auch noch Abea, nicht auch noch Abea!"
Wortlos verzog sich Abea auf ihr Zimmer.
Wieder ist eine Stunde um.
Auf dem Schreibtisch liegt eine verschmierte Notiz. „Von einem etwa zehnjährigen Mädchen, welches ein Armeeangehöriger namens Mc Fadden oder wie auch immer angeblich aus dem Krieg mitgebracht haben will, ist im Stab nichts bekannt." Mir ist so egal, ob Sam sich Abea ausgedacht hat, um sich vielleicht für ein Kind zu entschuldigen, das dank seines Einsatzes gestorben ist, er bei mir nur Bestätigung sucht, dass er nicht anders hätte handeln können, oder was auch immer. Ich habe mein Geld damit verdient zuzuhören. Ich möchte nicht mehr darüber reden. Ich verabschiede den halb mumifiziert wirkenden Mann mit einem Händedruck. Die letzten Worte seiner Geschichte klingen in mir nach: „Für einen Moment, einen winzigen, aber eben einen vorhandenen Moment, ging mir durch den Kopf. Ach wäre sie doch damals schon mit verbrannt ..."


Die Erzählung "Abea" wurde veröffentlicht im Band "Mein außerirdischer Liebhaber" utopische Erzählungen in der Dorante Edition 2009.

Freitag, 3. Dezember 2010

Slov ant Gali: Abea (Teil 2)


Es war schon ein seltsames Gefühl. Zur Schule gehen. Mit Kindern, die hier groß geworden waren, alle Wörter kannten, die fremden Dinge, die sie bezeichnen sollten, ja, die sogar genauso aßen wie ihre Nachbarn.
„
Das hatte ihr Sam erklärt, den sie jetzt Dad nennen sollte. So tat sie es auch, als sie allein mit der Lehrerin vor der Klasse stand. Trotzdem lachten die meisten. Vielleicht hatte sie die Laute nicht richtig betont.
Mrs. Widerman winkte. Daran erkannte Abea, dass vorn dort war, wo die anderen Kinder hinsahen, wenn sie sich nicht gerade feixend wie jetzt zu ihr umdrehten.
Mrs. Widerman fragte so boshaft, als wäre völlig klar, dass Abea nicht wissen konnte, wie viel zwei plus drei sei. Aber sie dachte dabei fünf, so dass Abea laut „Fünf!" sagte, und auch, als die Aufgaben schwieriger wurden, dachte die Lehrerin immer an die Lösung, die Abea nur laut nachsagen brauchte.
Viel hatte Abea nicht verstanden, aber weil alle ihre Antworten richtig gewesen waren, galt sie von nun an als Rechenass. Rechnen war auch leichter als die fremde Sprache, von der man so viele Worte mit so vielen Bedeutungen behalten musste, und David, der immer am lautesten dachte, formulierte so viele falsche Sätze.
Abea lernte schnell.
Trotzdem war sie traurig. Mathew hatte immer solche Angst vor dem Unterrichtsschluss. Sie fragte ihn, warum er nicht mit den anderen loslaufe.
Sag, ich heiße Abea!" „
In der nächsten Pause jedoch stellte sie sich vor Hobbes hin.
Lass mich in Ruhe", antwortete er abweisend. Aber da kamen schon Hobbes und dessen Gang und schlugen auf den kleinen schwarzen Jungen ein. Überrascht und hilflos stand Abea daneben.„
Die anderen aus der Klasse bildeten einen Kreis um sie. Hobbes grinste. Sein Gedanke kam genauso schnell oder langsam wie seine Worte: „Weils einfach Spaß macht. Aber wir können ja auch dich nehmen."
Fast alle lachten.
Nur Benny stand in der Ecke und dachte, Mädchen schlägt man nicht. Er fürchtete sich, das laut zu sagen. So war Abea am Schluss der letzten Stunde auf ihn zugegangen, hatte ihn an der Hand genommen und war mit ihm schweigend durch die Gasse der verwirrten restlichen Jungen geschritten.
Warum lässt du Mathew nicht in Ruhe?"„
 Längst wusste ich nicht mehr, wer ich und wer Sam war, und wer ... Nein, natürlich wusste ich um Abea. Aber in meinem Gehirn verschwamm Sams Erzählung mit Bildern, die sie heraufbeschworen, zu einem neuen Film. Anfangs hatte ich mich noch gefragt, wieso er von Erlebnissen Abeas erzählen konnte, bei denen er nicht dabei gewesen war. Irgendwann bildete ich mir aber selbst ein, manche Szene mit den Augen jenes Mädchens zu erleben. Da wusste ich schon nicht mehr, ob ich nicht selbst die Geschichte neu erzählte. Ich fertigte keine Protokolle mehr an, ich beschwor genau wie Sam das Mädchen Abea als Geist herauf, und sie erschien mir, weil ich - wie Sam - nicht sein wollte, wie ich in Wirklichkeit war.Aus der kleinen Schule von Louisville hatten sieben Jungen ihr geregeltes Einkommen in der Armee gefunden. Sie alle überstanden das Abenteuer Krieg lebend. Doch nur wenige Wochen, nachdem sie wieder sicher im heimatlichen Stützpunkt waren, sahen die Jungs fast täglich ausgemergelter aus. Mit Beginn von Abeas nächstem Schuljahr war von allen nur noch Sam am Leben. Im Drugstore hatte Samantha den Eindruck, als brächen alle Gespräche ab, kaum, dass sie zur Tür herein kam. „Sam, ich habe den Eindruck, die warten richtig darauf, dass du endlich stirbst."„
Trotzdem karrte er seine Familie zu Burklands Spezialklinik.
Der Chefarzt begrüßte sie zum Auswertungsgespräch mit einem entspannten Lächeln.
Aber Samantha! Glaub mir, da können sie lange warten."„
Sie wollten schon aufstehen, da lächelte der alte Arzt richtig spitzbübisch.
Sie sind so gesund wie eh und je. Und was ihre Abea angeht: Es hat sich nichts verändert. Alle Werte wie damals. Was soll ich sagen? Die Katastrophe kann unmittelbar vor der Tür stehen, aber inzwischen hätte ich genau wie Sie Hoffnungen auf ein glückliches Ende."„Ach ja, Mister Mc Fadden, apropos Hoffnungen. Ihre Frau meinte, aus meinem Mund glauben Sie es am ehesten: Rechnen Sie mit dem ersten eigenen gemeinsamen Nachwuchs. Für Sie wird scheinbar alles Unmögliche möglich."
Schwarze Hexe!", rief Hobbes. Aber Abea hätte nicht sagen können, ob das abschätzig oder zumindest etwas anerkennend gemeint war.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Slov ant Gali: Abea (Teil 1)


 
Möchte ich in fremden Gehirnen lesen können, vor allem jetzt in seinem ... wo ich sowieso schon zu viel weiß? Für meinen Beruf wäre es von Vorteil. In diesem Fall aber? Nein, wahrscheinlich möchte ich es nicht.
Ich leite den Mann zu dem Platz, an den er sich in den Sitzungen gewöhnt hat. Ich ahne, was wirklich war, aber sträube mich, wie er, gegen die Wahrheit.
Er hatte sich freiwillig gemeldet. Sondereinsatz, Sonderprämie. Sie übertrugen die Erfahrungen ihrer langjährigen überlegenen Demokratie auf das Land dieses Diktators. Klar, wurde auf sie geschossen, mussten sie für Ordnung sorgen, Waffen einsetzen, die mit Splittern und mit Strahlen alle potentiellen Mörder und Terroristen für immer handlungsunfähig machten. Dann entstanden schon einmal Berge von Menschenteilen, die sie nicht liegen lassen konnten. Schließlich waren sie hier, um Ordnung zu bringen. Und er war dran, im Schutzanzug die Terroristen zu einem Haufen zusammenzukarren, damit sie umweltverträglich entsorgt würden.
Da entdeckte er sie.
Es war eigentlich unmöglich. Die eingesetzten Befriedungsmittel durften kein Zucken zurücklassen. Doch ihre Augen sahen ihn an. Sie waren groß und wunderschön. Dunkel wie die feuchte, fruchtbare Krume seiner Heimat, frisch durchgegrubbert nach der Schneeschmelze im März. Sie schienen zu sagen, ich habe dich lieb, du Gespenst. Ich will dich retten. Hatte er das gelesen? Von diesem Gespenst von Canterbury? War er das Gespenst, das gerettet werden musste?
Er achtete nicht auf die anderen ringsum. Sah nur dieses Mädchen. Zog es aus dem Körperberg hervor. Es war verschwitzt. Eine kleine Schramme an der linken Schläfe wurde vom sandigen schwarzen Kraushaar halb verdeckt, ansonsten aber schien es unverletzt. Das Kleid oder wie man dieses Kleidungsstück nennen mochte, Burnus oder so, war gleichfalls an der linken Schulter zerrissen, so weit, dass es eine bubenhafte Brustwarze hervorschauen ließ. Das Mädchen hatte nicht die Kraft, die Blöße zu bedecken. Leben war nur noch in seinen Augen.
Für einen Moment wollte er das Kind zu dem restlichen Haufen stoßen. So verstrahlt, wie es war, würde es sowieso bald sterben. Ein Gnadenschuss würde es vor Qualen bewahren. Aber da war immer noch dieser Blick, diese Augen.
Was für ein Unsinn! Was dachte er ausgerechnet jetzt an Samantha, die so gern ein Kind gehabt hätte? Ein unbegreiflicher Reflex bewegte seinen Mund: „Wie heißt du, Mädchen?"
Er dachte sofort: Sam, bist du blöd! Sie kann dich nicht verstehen. Du müsstest durch deinen Anzug viel lauter sprechen. Und selbst dann - wie sollte dieses Mädchen deine Sprache verstehen?
Da hörte er Laute aus ihrem Mund: „Heißt du Mädchen Abea."
Der Sergeant Samuel Mc Fadden packte das Kind an den Armen, schleppte es von dem Haufen fort zu seiner Batterie, und er drehte sich auch nicht um, als hinter ihm die Flammen mit einem dumpfen Puffen anfingen, den anderen Körpern Gnade zu erweisen.

Sie war über eine Schwelle getreten.
Hinter ihr war nichts, jedenfalls nichts, woran sie sich hätte erinnern können. In diesem Moment wusste sie nicht mehr, was sie jemals erlebt hatte, vor allem nicht, was gerade passiert war. Nur, dass sie sich nicht bewegen konnte. Um sie herum stank es fürchterlich und niemand war da, bei dem sie das hätte beklagen können.
Plötzlich stand ES vor ihr. ES war sehr groß, glänzte weiß, hatte keine Haare, keinen richtigen Mund, aber riesige ovale Augen. Beine auch, aber die bemerkte sie erst später. Sie bestaunte die fremden Riesenaugen.
Du wirst mir nichts tun. Ich habe dich lieb. Ich habe überhaupt keine Angst vor dir. Ich habe dich lieb.
Abea wunderte sich. Deutlich verstand sie, dass ES an eine Samantha dachte. Die hatte traurige blaue Augen und locker auf die Schulter fallende Haare von der Farbe der Wüste bei Windstille. ES dachte Gnadenschuss und Abea hätte zu gern gewusst, was das bedeutete. ES wollte wissen, wer sie war. Und Abea nahm die Worte von IHM und ergänzte ihren Namen.
Abea zögerte. Sie wollte zurückfragen, aber ES würde sie ja nicht verstehen. Da riss ES sie nach oben, und Abea sah vor sich einen schwarzen Himmel.
„Ich kann Ihnen das nicht erklären. Glauben Sie mir. Ich würde gern, aber ich kann es mir selbst nicht erklären. Die meisten Zellen ihrer Abea sind radioaktiv aufgeladen. Aber sie strahlen nicht nach außen. Und das Seltsamste: Ich kann bisher keinerlei krankhafte Veränderungen feststellen.・„Bitte, Herr Doktor, reden Sie Klartext! Wie lange hat sie noch zu leben?"„Das kann ich einfach nicht sagen. Der Strahlenbelastung nach wäre sie längst tot, von der Wahrscheinlichkeit her muss die Strahlenkrankheit bald bei ihr ausbrechen. Spätestens dann bleibt Ihnen nichts mehr zu tun, als der Kleinen die Leiden zu mildern."„
Der alte, bedächtig sprechende Chefarzt der Spezialklinik vermied es, Samantha und Samuel Mc Fadden in die Augen zu sehen.
Sie finden unsere Idee also verrückt?"„
In diesem Augenblick ging die Tür auf. Für einen winzigen Moment stand Abea abwartend da, die Klinke in der Hand, die dunklen Augen funkelten Sam an. Dann flog sie ihm entgegen, als hätte sie einen kräftigen Tritt bekommen. Sie landete auf seinem Schoß, und ihre Arme zogen Samanthas Kopf zu sich heran, drückten ihn und krabbelten mit den Fingern durch die blonden Haare, als suchten sie darin wenn schon nicht Läuse so doch wenigstens Wüstensandkörner.
Bitte fragen Sie mich nicht! Ich an Ihrer Stelle würde mir das alles noch einmal gründlich überlegen."„
Und das Kind warf dem Mann in dem Kittel einen trotzigen Blick zu. „So lange es geht, lebt Abea als unser Kind", wiederholte es störrisch.
Auf der Straße in die Kleinstadt, dort, wo man mehr als fünf Achtel des Himmels über sich sah, schwieg Sam vor sich hin. Seine freie Hand lag in der linken Samanthas.
So lange es geht, lebt Abea als unser Kind", entschied Sam, wobei er abwechselnd zu Abea und dem Arzt blickte.