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Freitag, 3. Juni 2011

Hanna Fleiss: Himmelpfort


Stille. Stille.
Viel Grün in Luft und Luch.
Der Dampfer bläst zur
Gemütlichen Seenrundfahrt.
Wieder still. Kein Ahornblatt
Fällt ins Gras. Unvermittelt
In der Klosterruine
Singen sie gutgemeinte
Friedenschoräle.
Am Postamt das gütige
Grinsen des Weihnachtsmanns
Auf Sommerwerbetour.
Da – !
Grauses Ergrimmen
Des Himmels. Paar Tornadovögel,
Strahlgetrieben, im Tiefflug, donnern
An die Pforte des Lieben Gottes.
Meine Eingeweide, erschüttert,
Sortieren sich
Um.
Rings Leute, stolzes
Staunen, Blicke hinauf in die Höh. Dankbare
Spatzen, denen die Schnäbel
Wieder mal vaterländisch
Gestopft werden.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Hanna Fleiss: Soldatenfriedhof

 Windgestromte Zeit.

Hoch stand
Der weiße Mond, als sie
Die Mädchen küssten.

Blutwellen.
Sie zählten das Leben
Nach Stunden, nicht Tagen,
Nicht Jahren.

Wehende Kreuze.
Unter Steine Gefallene.
Bebend hängt ein Lied
In den Birken.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Hanna Fleiss: Elfter September


Was wir hörten:
Schüsse in Santiago, Hubschrauber,
Panzer, Bombardements.

Der Verräter großes Aufräumen.
In der Moneda ein Präsident,
Freiheit in zerbrochenen Händen.

Auf der Schwarzen Insel
Der alte Dichter allein, inmitten von Versen,
Seesternen und Muscheln.

Und einer sang: „El arado“.
Kommt die Taube zurück,
Wird ein neuer Stern geboren.

Es sangen wohl auch Vögel.
Frühling in den Straßen. Das war
Im September, am Elften.

Dienstag, 31. Mai 2011

Hanna Fleiss, Shukows Gefechtsstand


Ostwinde wüten, weit geht der Blick

Übers flache Oderland. Wiesen, trunken

Von Blut. Staubkaskaden, zerrissene

Menschenleiber, verweigernder Himmel.

Spurenlos heut liegt die grüne Ebene.

Erbarmungslos die Mittagssonne,
Auf der Höhe wogende Wälder.

Hinab führt mein Weg, ins nahe Dorf,

Zu Gräbern, ohne Schrei, ohne Antwort.

Montag, 30. Mai 2011

Hanna Fleiss: Beschmutzt



Zahlen, Zahlen,
Ich lese Zahlen. Schon einmal las ich
Zahlen: vor jüdischen Massengräbern
In Weißrussland. Jede Ziffer
Ein Mensch, ausgelöschtes Leben,
Das Vermächtnis der Toten.


Tod Israels Feinden,
Schreits in die Welt. Die Dreijährige,
Von Granaten getötet, von Hunden
Zerrissen – Feindin? Die tote Mutter,
Die schreienden Kinder – Feinde?
Die Sterbenden auf Straßen, in Armen
Der Hilflosen – Feinde?


Schon einmal
Las ich Zahlen: vor jüdischen
Massengräbern in Weißrussland.
Darf ich mich noch unbefleckten Herzens
Vor ihnen verneigen?

Sonntag, 29. Mai 2011

Hanna Fleiss: Denkstein


Hingesprochen,
Dass Ängste so wichen
Aus den Zeiten, unterm Schrei
Aller Grabkreuze der Welt.


Jähes Krampfen des
Steins im Herzen. Gewissheit, der
Versprochne Frieden überdauert nicht
Den Traum von ihm.


Wo Tote schlafen, sanftes
Schwingen des friedlich Gedachten.
Ach, erwachte ich dereinst
Nach den Kriegen.

Samstag, 21. Mai 2011

Hanna Fleiß, Hiroshima


Der einsame Blitz.
Himmelschreckend,
Wird gesagt. Die schönsaubere
Bombe.

Himmel brachen. Aufriss
Die gequälte Erde. Als Schatten
Verlosch, wens traf.
Das Pathos der Toten.

Blut
In den Schläfen,
Wachend, schlaflos. Einzig
Des Weltalls Schweigen.

Freitag, 20. Mai 2011

Hanna Fleiß, Begriffen fürs Leben


 Das Jahr Einundvierzig.
Da holte die Hebamme mich.
Die Schattenjahre. Nachtbomber,
Bunkertage und –nächte. Was ich begriff,
Begriff ich auf Lebenszeit.

Das Jahr Neunundneunzig.
Jetzt war ich richtige Deutsche.
Und Deutsche bombten in Serbien.
Da saß, vielleicht, in Belgrad ein kleines Mädchen
Im Keller. Mehr als die Wand beim Einschlag
Zitterte die Hand der Mutter.

Nun sollte ich stolz sein. Dass die da
Zitterten vor deutschen Bomben,
Im Halbjahrhundert das zweite Mal.
Nie wieder Auschwitz!, keuchte der Minister.

Das Jahr Zweitausendfünf.
Die Zeit hat mich eingeholt. Erdteile
Verschoben sich, Deutschland liegt jetzt
Am Hindukusch, Afghanistan
An der Spree.

Was ich begriff, begriff ich fürs Leben.
Und wenn ich gehe dereinst, geh ich
Mit nichts als dieser Gewissheit.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Hanna Fleiss: danach


Die Welt schweigt.
Tonlos klagen
Die Toten.

Blutig
Das Wintergewölbe
Der Stadt. Die Trauer der Lebenden
Leise wie im Gebet. Die Mörder
Waschen sich die Hände.

Still ist es. Die Asche
Schweigt. Nirgendwo Scham. Glühend
Wie Eisen in der Esse über allem
Die Bitternis des Morgenrots.

Die Welt schweigt.
Tonlos schreien
Die Toten.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Hanna Fleiss: Deutsche Arbeiterfrau 1936-1945


Als sie deinem Mann endlich
Arbeit gaben nach sieben schrecklichen Jahren,
Zog kleines Glück ein in die Arme-Leute-Stube.
Da gabs wieder nen Happen im Magen,
Sonntags auch Kuchen mit Sahne,
Mal rausfahren an den Wannsee,
Damenwahl beim Ball verkehrt,
Das Nadelstrichkostüm, die Bluse
Mit Rüschen.

Durch die Arbeiterstraßen marschierten
Proleten in braunen Uniformen.
Dir taten sie nichts zuleide, du warst keine
Wie die Goldstein von nebenan.
Du warst ja eine von ihnen, von
Deutscher Rasse, von deutschem Blut.
Im Radio bellte der Führer.
Du fragtest dich nichts,
Deine Welt war wieder in Ordnung.

Der Alte, immer noch
Mit seiner Drückebergerstelle bei AEG,
Musste nicht an die Front.
Es hätte so schön sein können.

Wäre da nur nicht
Der Krieg, der verfluchte, gewesen.
Und als sie dir den Brief schickten,
Der Sohn gefallen an der Ostfront,
Weintest du nicht, du warst
Eine stolze Mutter in Schwarz.

Manchmal nur fragte die Enkelin
Nach dem Vater, das ging vorüber.
Sein Stahlhelmbild mit dem Hakenkreuz
Stand auf dem Vertiko. Der Held
Der Familie.

Und während der Alte schlief,
Wühltest du dich aus dem Bett,
Fielst auf die Knie, rangst die Hände.
Der Junge, mein Gott. Womit
Hattest du das verdient.