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Dienstag, 17. Mai 2011

Angelika Zöllner: Kriegstage


regentrommeln
vor dem fenster fegt hoffnung hinweg
buntschuppig in klirrenden blättern
baumloses in stückwerk gepflügtes land
bricht in den letzten nähten auf
und dieses sei die religion?


so glasklar schlägt der tod die häuser flach
und tritt auf menschenhälse - kinderrücken
ach unsere hände sind verschmutzt
von narbenkrusten unserer väter
verraten wieder brüder – schwesterstimmen


schmerzstarres atmen nur die kriegskinder
kriechen durch nachtgründe ohne schlaf
fallen zurück in die sirenendröhnende kindheit
in der jede sekunde ein stern umfällt.
es treibt uns hin in
uferlose straßenstürzung


mir bleiben espenzitterhände
die suche nach der imaginativen stadt
in der ein wort allein
vorm untergang versöhnen könnte.

Sonntag, 15. Mai 2011

Angelika Zöllner: glasharfe blutig


träume steigen wie blüten
und die fragen klingen
wie glasharfentöne
unbeschreiblich
in ihrer singenden klarheit
 
 steh  ich in regenfäden
geschlossener tag
kein schnee keine antworten
die ich lange gesucht habe
 
heute stelle ich fragen
das - lerne ich – hilft weiter
über manchen verlorenen grund
über verletzten doppelten boden

traumnetze lösen sich auf
die windharfensaiten reißen
die glasharfe klingt blutig
und in den straßen schüttelt der krieg

da pflanz ich noch immer
blumen des zorns und der zärtlichkeit
für die menschen
baue häuser und luftschlösser
für den aus- und den inländer
für alle geliebten und ungeliebten

hin und wieder verlier ich den mut
das samenkörnchen
ich hebe es auf und halte es warm
zwischen den händen.

    Erstveröffentlicht in der Zeitschrift 'Muschelhaufen'.

Samstag, 14. Mai 2011

Angelika Zöllner: finis terrae



(geschrieben im Finistère, Bretagne)
 

  steh ich am berg
liegt die welt auf dem rücken
 
  
schön ist sie
ein schweigen im glühenden licht 


einst verlor sie sich
an den menschen 
es stürmen
wölfe um sie her
 

atmen das gras
die bilderbogen letzter bäume
 

reise ich zurück
wenn die sonne
 

aus dem schatten tritt
über die abendgrenze
 
mit flammender haut
noch einen weg schlagen.

Angelika Zöllner: 1968 - anfang zwanzig


die zeit verliert sich in rocktaschen


was bleibt

was halten wir

von hinterlassnen träumen fest

jetzt stürzen menschen sich

schon wieder starr auf menschen

und greifen kühl gesichter fingerhände

nur weil sie anders singen wollen ohne

gleichgesinnten wind


damals waren uns die kleinsten waffen

heiße fingerbrände

nachts warfen wir sie steil ins nichts und

gern berührten wir uns friedlich 

wir fühlten tags des

andern heile haut


  wir trotzten dem konsum mit scharfen liedern

und träumten von dem ende allen machtspiels

wir brachen rücksichtlos in

atemlosen glühen die

grenzen zwischen menschen auf

die freiheit das gelöste wort

hing lang so lässig an den billig-jacken

was bleibt wenn wir noch überleben wollen

wenn unsere kinder uns mit fragen

in die ausgetretenen spuren sehen?

Freitag, 13. Mai 2011

Angelika Zöllner: frieden


genug geklagt
noch fühl ich leben
der sommer streut sein mildes licht
und weht mir farbenträume zu
laß mich noch diese tage schmecken
und honig sammeln
dir und mir

im herbst bestell ich mir das land
und scheuch die totenvögel weg
ich setze hoffnung korn für korn
und suche mir die atemsaat

noch hängt die sonne
ich will singen
ehe der himmel fällt.

 (veröffentlicht in   Granatapfelzeit, Verlag Neues Literaturkontor, Münster.)

Samstag, 19. März 2011

Angelika Zöllner: kopfüber

 kopfüber die fassaden
schlag ich mein angstherz auf
stoß’ ich mich wund
am brüchigen planeten
 
war’s das – drehten wir uns
neulich um die sonne?
 
geier und lämmer zugleich
sind wir rudel
schweigt die eigene stimme
 
hört’ ich doch die fische
aus den wassern steigen
und die bäume
aus den wurzeln brechen
 
hätt’ ich mut
für dich und mich
ein anfangswort.
(veröffentlicht in Granatapfelzeit, Verlag Neues Literaturkontor, Münster.)

Montag, 17. Januar 2011

Angelika Zöllner: Ausländer

ausländer
 
weiß ich nicht wirklich
wer außer landes ist
du oder ich
jeder der sich auspflanzt
wird mit fremde übergossen
woher nehm ich das recht
oben oder unten zu stehen
 
trau ich mich bald nicht mehr
ausländer anzusprechen
weil sie sich abgrenzen
von dem bissigen fluß meiner landsleute
weiß nicht wie ich die
sprache wiegen soll
wenn nachbarn das wort wenden
menschen sind für mich menschen
gleich welcher farbenreichtum ins gesicht geschrieben
 
kassandrarufe die alte sternzeit in gelbem glanz
wird beschworen tarnt sich
in neuem kleid
ach wer will hier
brandfackeln und richten
das verbrennen von seelen
sich anmaßen nach eigenem licht?
 
lass uns die grenzpfähle umpflügen und hartherzen
lösen – aufgesteckt auf den zäunen
im leichten wind.