Freitag, 7. Januar 2011

Rainer Baumgärtel: Neue Feinde braucht das Land

früher war alles viel besser!
und alle fronten waren klar
als wir noch einen erzfeind hatten
wie den franzosen an der saar
den angelsachsen im genick
und selbst im kreml
saß ein roter zar
nicht zu vergessen
die gelbe gefahr
ja, früher war alles viel besser!
heutzutage hat man's schwer
der kriegsunlustigen nation
neue feinde zu verklickern
denn Hussein besaß – welch hohn! –
nicht die versprochnen tollen waffen
bei den afghanen blüht der mohn
wie eh und je, und nordkorea
ist viel zu weit und ausgehungert
für irgendeine invasion
nein, heutzutage hat man's schwer!
es scheint, wir müssen findig sein
wollen wir der heil'gen einfalt
neue feinde präsentieren
zum beispiel alte ängste nähren
von fremden, die stets fremde bleiben
doch neue fremde stets gebären
und sich nicht um das grundgesetz
und andre schöne sachen scheren
ist das rezept auch noch so alt
am stammtisch muss es funktionieren:
der neue feind ist nun kein jude
er tarnt sich in der dönerbude
und setzt natürlich auf gewalt
in allahs namen
gott schenke unsrem deutschen volk
den rechten glauben
amen!

Donnerstag, 6. Januar 2011

Mareike Barmeyer: Ich, ich und wieder ich

Unsicherheit und Zufriedenheit
merkwürdige Bettgesellen
stellen sie dar.
Sie funktionieren für mich,
für mich sind sie wahr.
Nur eine Hinterhof Philosophie
oder eine Lebenseinstellung?
Wer weiß?
Was zählt
ist die Applikation.
Könnte eine ganze Nation
genau so leben?
- Sicherlich nicht!
Ich vergaß nämlich fast,
wie alle anderen,
alle anderen
in der Hast.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Ralf Burnicki: Großmutter Ghohar

Dir, edle Ghohar, Haushälterin,
Tochter von Akbar und Manzar,
will ich dies Bild malen, und hoffen,
daß es deine Knieschmerzen lindert,
wissend, daß das Leben, das dich schmerzt,
jenes Brot ist, mit dem du viele gesättigt hast
und daß du all deine Kraft
den Menschen eingeschenkt hast
wie glasklares Wasser, das
aus den Bergen quillt.
Beschenkt und empfangen wurden die Deinen
von deiner Bescheidenheit,
und deine Hand war als Windschutz
vor unruhige Zeiten gespannt
 
Edle Ghohar, eine wunderschöne Landschaft
ist dein Gesicht, in dem dein Alter
die Jahreszeiten spazieren führt,
um ihnen die Welt zu erläutern.
Doch mehr noch ist dein Lächeln
aus heiterem Himmel die ursprünglichste
Erklärung des Menschenrechts.
Dies also meint die Sonne, wenn sie morgens aufgeht
und deine Herzenswärme nachahmt.
Dies meint der Frühling, der wohl bei dir in die Schule ging
und seitdem jede Freundschaft mit Licht begießt,
denn Freundschaft ist die menschlichste aller Blumen.
Sie mag dich dankbar Großmutter nennen,
weil es jener Großmut ist,
aus dem all die Farben gemacht sind,
von denen die Schönheit des Menschen abstammt
 
Ralf Burnicki
________
 
1) Ghohar Badmasiah stammte aus einer Hirtenfamilie, ursprünglich Nomaden. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Gedichts (2004) war Ghohar über 70 Jahre alt. Eigene Kinder blieben ihr verwehrt, als Haushälterin war sie jedoch zugleich Erzieherin mehrer Kinder, so dass sie von ihrem jeweiligen Haushalt als fester Teil der Familie angesehen wurde/wird. Ghohar lebte in Sirjan / Iran und steht hier stellvertretend für eine bestimmte Gruppe älterer Frauen.

Montag, 3. Januar 2011

Organisatorisches

Also gestern wurde ich angerufen vom Veranstaltungsorganisator des Berliner Kulturrings. Nach zwei verflossenen Jahren sollte doch wieder eine "Friedenslesung" stattfinden - unter Nutzung aller kreativer Kritik bei der Durchführung der ersten beiden. Dazu wurde als Beratungstermin der 10.1. vereinbart.
Eine "Neuerungs-Idee" des Herrn Forster: Geldpreise.
Ein Gedanke meinerseits: Sowohl inhaltlich als auch zeitlich, somit sozusagen "organisatorisch" beständen so viele Überschneidungen mit der 16. CITA de la poesia, dass man die zwei Veranstaltungen eigentlich unter einen Hut bekommen müsste.
Ich gehe davon aus, dass es wieder eine Anthologie geben wird ...

Die Sammlung von Friedenstexten unter http://friedensblog.over-blog.net/ wird allmählich auf dieses Blog übernommen.

Slov ant Gali: gleichberechtigung

gleichberechtigung
 
frauen
sollen die gleichen rechte
wie männer haben
sprach die eine
und fand
ihren platz
im schützengraben
gerecht

menschen
sollen die gleichen rechte
überall und jeder haben
sprach die andere
und begann
schützengräben
zuzuschütten

Sonntag, 2. Januar 2011

Slov ant Gali: Mütter gegen den Krieg

Mütter gegen den Krieg“
 
So ist das leben
da stehn wir eben
denn niemand soll sein leben geben
für mächte, die die die netze weben,
zur treibjagd in die schützengräben.

Wer sich benutzen lässt für geld
der ist für uns der falsche held
ihm ist die denkmalsschrift bestellt
er diente einer alten welt

Und sollt die neue nicht erleben
hier stehn wir eben
die leben geben
die gegen hunger netze weben
kommt, schüttet zu die schützengräben

Samstag, 1. Januar 2011

Slov ant Gali: Im Friedensgrab

Im Friedensgrab
Großvater,
an der Ostfront
an wessen Tod
wurdest du
schuldig?

Wenn du nicht
im letzten Heimatwinter
von der Front
Hoffnung
gesetzt hättest
auf eine Familie,
wärest du
ritterbekreuzter Held und
nicht Vater meines Vaters
geworden?
 
Hast du
jenes künftigen Leben wegen
den wenigen,
denen du
etwas raten durftest,
geflüstert,
kommt aus dem Fronturlaub
nicht wieder?
 
Diesen Moment Vater
möchte ich
wurzeln
damit
deinen Enkel
niemand
nach der Ostfront
fragt.
 
Du schweigst weiter.