Sonntag, 3. Oktober 2010

Anna-Margareta Oldenburg: Der nachdenkliche Stein



Ich bin ein gewöhnlicher Stein, mittelgroß, hellgrau mit elfenbeinfarbenen Einsprengseln. Auch meine Form bietet keinerlei augenfällige Abweichung von Millionen anderer Steine dieser Welt. Dennoch bin ich anders: Ich habe Zugang zu den Menschen. Ich verstehe sie noch nicht sehr gut, denn ich studiere sie erst seit wenigen tausend Jahren. Aber ich vermag sie doch ein wenig zu dechiffrieren. Und das kam so:

Es war später Nachmittag. Die Hitze lag wie ein schweres, wollenes Tuch über der Erde. Da spürte ich die leichten Vibrationen von fernen menschlichen Schritten. Es war ein junger Mann, der sich um diese Tageszeit auf den Weg durch meine Heimat machte. Menschen meiden die Hitze. Aber er setzte unbeirrt einen Fuß vor den anderen und kam näher und näher. Hin und wieder schien er zu stolpern. Schließlich ließ er sich auf den Boden fallen, unmittelbar neben mich. Nie zuvor war ein menschliches Wesen mir so nahe, nicht in Millionen Jahren. Ich wusste nichts über Menschen, kannte weder ihre Art der Wahrnehmung, noch war mir ihr Denken und Fühlen vertraut. Daher ist der Anfang dieser Geschichte stark von späterem Wissen gefärbt. Kurz bevor die Sonne unterging, stand er kurz auf, streckte die Arme zum Himmel, murmelte etwas und legte sich wieder auf die Erde. Es schien ihm unbequem, denn kurz darauf rieb er sich seine Schulter und Ellenbogen und klagte eine Weile. Dann schaute er sich um. Sein Blick fiel auf mich. Er wälzte mich in eine andere Position, so dass er seinen Kopf auf mich betten konnte. Es war so als läge ein anderer leichterer Stein auf mir. Der Mann wurde ruhiger und schlief schließlich ein. Es war Stille. Es war Nacht. Da sprang der Mann plötzlich mit einem Satz in die Höhe und stieß einen schrecklichen Schrei aus. Dann schien er zu schluchzen, kauerte sich wieder auf den Boden, umfasste mit den Armen seine Knie und schaukelte hin und her. Jetzt war seine Stimme nur noch ein Flüstern. Den Sinn seiner Worte konnte ich nicht erfassen. Schließlich schwieg er und wurde ganz still. Am nächsten Morgen, kaum dass die Sonne mit einem schmalen violetten Band am Horizont den Tag ankündigte, stand er auf. Er betrachtete mich lange. Dann grub er eine Mulde und schob mich vorsichtig dort hinein. Kurz darauf kramte er eine kleine, sehr kostbar wirkende Flasche aus seinem Umhang. Er öffnete sie, goss ein betörend riechendes Öl über mich. Zuletzt legte er beide Hände auf meine graue Steinhaut. Da schien es mir plötzlich als spannte sich ein unsichtbares Band zwischen ihm und mir und dem Himmel. Das war der Moment, als ich begann zu ahnen.

Hunderte von Jahren wartete ich auf seine Rückkehr. Erst viel später erfuhr ich, dass den Menschen ihre Körper nur eine sehr begrenzte Zeit zur Verfügung stehen und sie dann in einen Zustand hineinwachsen, wo ihr Geist keine Herrschaft mehr über ihre körperliche Substanz hat. Sie nennen das Sterben. Es war also dumm von mir, ihn in derselben Gestalt zurückzuerwarten. Dennoch blieb das Band haften. Ich habe gelernt, dass unsere Begegnung in einem für viele Menschen bedeutsamen Buch bis heute überliefert wird und sein Name Jakob war. Seit dieser Begebenheit vor mehr als dreitausend Jahren kommen Menschen häufiger in meine Umgebung. Ich bin stets aufmerksam, sobald ich ihre Gegenwart erspüre, beobachte die Menschen genau und studiere ihre Gedanken und Gefühle.

Ich habe viel erlebt seither. Kleine Kinder mit ihren weichen Händen und Knien sind über mich hinweg gekrabbelt, Greise über mich gestolpert. Händler haben Tücher, Schmuck und Wasserpfeifen auf mir zur Schau gestellt. Familien nutzten mich als Unterlage für kleine Mahlzeiten unterwegs. Sie ahnten nicht, dass ich jedes ihrer Worte wissbegierig aufsog während sie Brot, Oliven oder Orangen auf mir ausbreiteten, unter sich teilten und von all dem erzählten, was ein Menschenleben füllt. Ich war Zeuge wie Menschen Behausungen, Brunnen und Straßen bauten, wie sie Gärten anlegten, Märkte und heilige Stätten errichteten. Aber ich habe auch erlebt, wie sie all das wieder vernichteten, wie sie übereinander herfielen, sich quälten und grausam töteten. Die Macht ihrer Zerstörung war so groß, dass es mich dabei immer wieder an andere Stellen verschlug und einige meiner Kanten splitterten.

Bis heute gelingt es mir nicht, darüber Klarheit zu gewinnen. Wie passt das zusammen: Menschen suchen die gegenseitige Nähe, viele sind sich von Herzen zugetan, zuweilen tun sie Dinge füreinander, dass es einen Stein erweicht,.....und doch gelingt ihnen kein dauerhaft friedvolles Miteinander? Heute weiß ich, dass Jakob damals bei unserer Begegnung auf der Flucht vor seinem Bruder war, der ihm nach dem Leben trachtete. Jakob hatte ihn zuvor belogen und betrogen. Also war der Hass seines Bruders gut begründet. Menschen bekämpfen sich wohl nicht grundlos, auch wenn ich mit meinem beschränkten Steinverstand nicht allen Gründen folgen kann. Besonders rätselhaft ist mir, wenn sie im Namen ihrer Götter morden und Kriege führen. Denn sie sagen auch, Gott sei Liebe. Ich muss an diesem Punkt noch gründlich forschen.

Jetzt gerade nähert sich ein junges Paar. Sie schauen sich immer wieder ängstlich um. Ich kann erkennen, dass das Mädchen Tränen in den Augen hat. Der junge Mann nimmt ihr Gesicht in seine Hände, küsst ihre Stirn, ihre Augenlider, ihren Mund. Aber sie reißt sich los und lässt sich auf mich fallen. Sie scheint untröstlich: „Du darfst das nicht tun“, schluchzt sie, „das ist doch so sinnlos“. Er steht unschlüssig vor ihr, dann kniet er vor ihr nieder und antwortet in einer anderen, aber mir ebenfalls geläufigen Sprache: „Mein Volk ist gezwungen, sich zu wehren. Es ist meine Pflicht, für die Zukunft und die Ehre meines Volkes zu kämpfen“. Seine Stimme ist heiser, fast wie ein zärtliches Raunen. Sie blickt ihn an. Ihre Augen haben die Farbe von Lapislazuli. „Wenn du unschuldige Menschen und dich selbst umbringen willst, dann töte mich zuerst“, schreit sie ihn an, „aber weder dein Gott noch meiner haben Freude an diesem Morden!“ Er antwortet nicht und beide schweigen eine Weile. Plötzlich steht er auf, sieht sich langsam um, schüttelt den Kopf und sagt: „Das ist ein merkwürdiger Ort hier, findest du nicht?“ „Die ganze Welt ist ein merkwürdiger Ort“, schluchzt sie, „ein Ort voller Mord und Totschlag“. Sie springt auf und jetzt tritt sie mit ihren Füßen gegen mich, immer wieder. „Du verdammter Stein“, schreit sie, „reglos und ungerührt liegst du da, und um uns herum geht die Welt in Flammen auf!“ Endlich lässt sie von mir ab und sackt in sich zusammen. „Ich sehne mich so sehr nach Frieden“, flüstert sie erschöpft. Der junge Mann setzt sich neben sie, seine Mine ist starr, sein Blick in die Ferne gerichtet. So sitzen sie eine ganze Weile. Sein Atem geht schwer, immer wieder fährt er sich mit den Händen über die Augen. Sie wendet sich ihm zu. Zärtlich wiegt sie den großen Mann in ihren Armen. Er birgt sein Gesicht an ihrer Schulter. „Ich habe doch den gleichen Traum vom Frieden“, sagt er schließlich leise und stockend. „Ich träume von einer Welt ohne Unrecht, Armut, Feindschaft und.....“, er sucht nach den passenden Worten. „...und ohne Gewalt?“ fährt sie fort. Er antwortet nicht, steht wieder auf und geht ein paar Schritte. Aus einigen Metern Entfernung heftet er seinen Blick auf mich. „Der Ort hier atmet Ewigkeit. Es ist wie Magie“, sagt er schließlich. „Wie poetisch du sein kannst“, erwidert sie. Es ist kein Spott in ihrer Stimme, nur die warme Färbung der Verführung: „Komm zu mir und leg deine Waffen ab, leg alle Waffen ab, die an deinem Gurt und die in deinem Herzen.“ Die Dunkelheit bricht herein. Sie lieben sich im Staub der Erde neben mir.

Wir werden Versöhnung wagen“, flüstert er ihr am nächsten Morgen ins Ohr. „Shalom, der Stein ist unser Zeuge“, antwortet sie leise. „Salaam“, entgegnet er und legt seine Hände behutsam auf mich. Ihr befreites Lachen steigt auf zum Himmel.









(22,3 P.)

Donnerstag, 30. September 2010

Andreas Spoo: Die Geschichte von Girolfe



Wie ein Schmetterling die Freude zurückbrachte


Einst lebten an der Grenze zwischen Savanne und Steppe das Volk der Giraffen und das Volk der Wölfe.
Vor undenklichen Zeiten hatten sie friedlich beisammen gelebt. Das einzige Wasserloch weit und breit war ein beliebter Treffpunkt gewesen zwischen beiden Völkern, an dem sie miteinander sprachen, lachten, tanzten und sangen.

Doch irgendwann - niemand konnte mehr sagen, warum eigentlich - waren sich Giraffen und Wölfe Feind geworden. Sie mieden sich, wo sie nur konnten.

Wo sie es nicht konnten, war das Wasserloch.
Nur: Was früher ein lebendiges und fröhliches Beisammensein gewesen war, wurde nun zu einem Belagern und manchmal auch zu mehr. Es kam zu Streitereien, ja zu Raufereien und gar Verletzte hatte es schon auf beiden Seiten gegeben.

Die Ältesten der Völker waren über diesen Zustand entsetzt. Wie sehr sehnten sie sich nach den friedlichen Tagen ihrer Väter - doch wie sollten sie je wieder dorthin gelangen?
Niemand von ihnen wagte es, einen Vertreter zum anderen Volk zu entsenden. Weniger aus Furcht, diesem könnte etwas zustoßen, sondern vielmehr aus Angst, es könnte als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. Und keiner wollte sein Gesicht verlieren: Was hätte das für ein Getratsche im eigenen und für Gelegenheit zu Spott beim anderen Volk gegeben!

Eines Tages nun kam ein Schmetterling des Wegs geflogen.
Da er müde war und auch durstig, ließ er sich am Wasserloch nieder.
Kaum hatte er seine müden Glieder ausgestreckt und sich am kühlen Naß erfrischt, da kamen von verschiedenen Seiten Giraffen und Wölfe angetrabt.
"Oh," dachte der Schmetterling, "ich kriege Gesellschaft, wie schön!"

Als die Giraffen und Wölfe am Wasserloch angekommen waren, sahen sie den fremden Gast und hießen ihn willkommen.
Dies war das erste Mal seit langer Zeit, daß hier an diesem Ort freundliche Worte gewechselt wurden.
Das ließ die Führer der Völker aufhorchen: "Moment mal," werden sie gedacht haben, "hier und jetzt haben wir keinen Groll im Herzen. Womöglich ist das die Chance, mit den anderen ins Gespräch zu kommen!"
Und siehe da, aus dem Volk der Giraffen und aus dem Volk der Wölfe trat je ein Mitglied hervor - die Tapfersten, die auch schon bei den Raufereien mitgemacht hatten - und ging auf den anderen zu.

Sprach der Wolf: "Uns nervt es schon lange, was hier abgeht. Wie gerne hätten wir den Frieden, wie ihn die alten Lieder besingen, zwischen euch und uns. Doch wissen wir nicht, wie wir es anstellen könnten, mit euch ins Gespräch zu kommen."

"Nun, das ist ganz einfach", sagte die Giraffe, "hört auf damit, abends um unser Lagerfeuer zu schleichen, das ist uns nicht geheuer!"

"Na, was fällt euch denn ein, ihr Langhälse, wollt ihr uns etwa Vorschriften machen?", fauchte der Wolf, "Wenn ihr eure Nasen nicht immer so hoch tragen würdet, dann hätten wir keine Probleme!"

"Oh ha!", dachte der Schmetterling, "Ich glaube, hier sprechen zwei miteinander, die es noch nicht so recht verstehen, auf die Musik hinter den Worten zu lauschen. Mal sehen, ob ich ihnen etwas schenken kann!"
Und noch während die Giraffe ihrerseits auf den Wolf reagierte - ihre Worte will ich an dieser Stelle aus Gründen der Achtsamkeit lieber verschweigen - flog er zum Wolf, setzte sich ihm auf die Schulter, ganz nahe beim Ohr, und flüsterte:

"Hallo Wolf, mö-"
"Verdammt, hast du mich erschreckt! Wer bis du?"
"Ich möchte dir ein Geschenk machen."
"Ein Geschenk? Jetzt? Was soll 'n das sein?"
"Ich würde dir gerne ein Lied singen, das davon handelt, wie ich die Giraffe verstanden habe."
"Wie du die Giraffe verstanden hast? Ja glaubst du denn, ich habe Tomaten in den Ohren? Die wollen uns in die Pfanne hauen, das ist doch sonnenklar!"
"Das klingt so, als ob du sauer wärst, weil du Anerkennung für deine Art des miteinander Redens brauchst."
"Na, was denkst denn du!?"
"Ich bin überzeugt davon, daß du alles, was du tust, daran mißt, ob es dir Freude macht. Und eine solche Einstellung schätze ich sehr, denn ich liebe es, das Leben zu verschönern."
"...Aha. Und deswegen möchtest du mir wohl auch dieses Lied singen, stimmt's?"
"Oh, ich freue mich, daß du das verstanden hast!"
"Mmh, na gut, ich laß' es auf einen Versuch ankommen. Leg' los!"

Kaum hatte der Wolf die letzten Worte gesprochen, da begann der Schmetterling auch schon zu singen. Und - wow! - das war eine Melodie! So etwas hatte der Wolf noch nicht gehört. Ihm wurde ganz anders zumute, auf eine Weise, die er bisher noch nie erlebt hatte.
Anfangs glaubte er ja, er würde krank - so friedlich und glücklich fühlte er sich auf einmal. Dann merkte er, daß das, was er bisher als Angriff der Giraffe verstanden hatte, wie Worte des Herzens klang.
Er faßte allen Mut, den er besaß, zusammen und sprach: "Du, Giraffe, verstehe ich dich richtig, willst du mir sagen, daß ihr Angst empfindet, wenn wir uns abends in der Nähe eures Lagerfeuers aufhalten, weil ihr Sicherheit braucht?"

"Na Gott sei Dank hast du das mal kapiert", sagte die Giraffe, "ich glaubte schon, du hättest Karotten in den Ohren. Was soll das eigentlich, warum macht ihr das?"
"Das habe ich dir doch eben schon gesagt. Wir machen das, weil ihr eure Nasen - "

"- Moment, Moment", flüsterte der Schmetterling, "so hast du es schon einmal versucht, der Giraffe zu erklären. Ich fürchte, sie wird es auch beim zweiten Mal anders verstehen, als du es dir wünschst."
"Na, was soll ich denn machen - so red' ich nun mal! Könntest du nicht ...?"
"Was?"
"Ähm, das ist mir jetzt ein bißchen peinlich, aber, äh, könntest du ihr nicht sagen, wie ich es meine, so, daß sie es versteht?"
"Möchtest du, daß ich zu ihr rüberfliege und ihr dein Lied vorsinge?"
"Ja, bitte!"
Und schon schwebte der Schmetterling hinüber zur Giraffe und setzte sich ihr auf einen Höcker, ganz nahe beim Ohr.

"Du, Giraffe?"
"Nanu, wer bist denn du?"
"Ich möchte dir gerne ein Lied singen."
"Ein Lied? Spinnst du? Siehst du denn nicht, daß ich hier aufpassen muß?"
"Hast du Angst, in einen Schlamassel zu geraten, wenn du nicht genau Acht gibst auf das, was der Wolf zu dir sagt?"
"Ja, allerdings! Ich glaube, die haben's auf uns abgesehen!"
"Das glaube ich auch - nur in einem anderen Sinne als du."
"He?"
"Ich habe den Eindruck, der Wolf möchte sich mit dir verständigen. Und genau davon soll auch mein Lied handeln."
"Verständigen? Lied? Puh, ich bin jetzt ziemlich durcheinander! Bitte, vielleicht hilft mir dein Lied ja, wieder zu mir zu kommen."

Und der Schmetterling sang.
Die Melodie war einfach, klar und rein und sie berührte die Giraffe tief in ihrem Innersten, an einem Ort, den sie mit dem Licht ihres Bewußtseins schon lange nicht mehr aufgesucht hatte.
Und nun verstand sie.
Ganz aufgeregt, in einer Mischung aus Freude und Traurigkeit fragte sie: "Wolf, verstehe ich dich richtig: Seid ihr traurig darüber, in der Nacht ohne die Wärme eines Feuers zu leben, weil ihr Gemeinschaft braucht? Und sagst du mir, wie wichtig dir Gleichwertigkeit und Achtung sind?"

Als der Wolf das vernahm, hüpfte sein Herz vor Freude. Wie sehr, wie lange schon hatte er sich danach gesehnt, auf diese Weise gehört und verstanden zu werden!
Ihn, seine Artgenossen und ebenso die Giraffen ergriff ein stiller süßer Schmerz. Ihre Gesichter entspannten sich und ihre Augen begannen hell zu leuchten. Und da war noch mehr: Wer genau hinschaute - und der Schmetterling war ein guter Beobachter - , der sah silberne Tränen in ihren Augen schimmern.

Für eine ganze Weile war nichts weiter zu hören als Stille.
Danach brauchte es weniger als zwanzig Minuten, bis Giraffen und Wölfe eine Idee entwickelt hatten, von der sie sich alle Frieden und Freude versprachen.

Dies war der Beginn einer neuen Zeit.
Und sie fing damit an, daß sie gemeinsam feierten. Sie erinnerten sich all' der Lieder, die sie zu früheren Zeiten gesungen hatten, und hier und heute erklangen sie wieder und wurden wieder wahr.
Das war ein Singen, ein Tanzen und ein Lachen!
Und manchmal auch ein Weinen. Denn wer etwas so Schönes erlebt und beim Erleben gewahr wird, wie schmerzlich lange er dieses Schöne vermißt hat, der weint. Vor Trauer und vor Freude.

Und an diesem Abend, in der Zeit, als farbenfrohe Raketen den Himmel erleuchteten, wurde ein neues Lied geboren.
Dieses Lied besang den heutigen Tag, und es begann damit, wie sich ein Schmetterling, müde und durstig, am Wasserloch niederließ.
Und damit es einen Namen bekommen konnte, fragten Giraffe und Wolf am Lagerfeuer den Schmetterling: "Sag mal, wer bist du eigentlich und wie heißt du?"
"Ich bin die, die ich bin, und so heiße ich auch."
"...???..."
"Worte und Namen legen uns fest und nehmen uns etwas von dem, was wir tatsächlich sind. Wenn ihr eurem Lied einen Namen geben wollt, so bitte ich euch, nennt es: Die Geschichte von Girolfe."





Donnerstag, 16. September 2010

Petra Urban: Süße Milch


Als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte er warme Milch mit Honig getrunken. Ihre Freundin hatte ihr unsanft in die Seite gestoßen. „Und das will ein Mann sein!“, hatte sie geflüstert, „Pfui Teufel!“
Er hatte allein am Tisch gesessen und schien die Bemerkung nicht gehört zu haben. Plötzlich aber hatte er sich umgedreht und sie angelächelt.
Am nächsten Tag war sie ihm wieder begegnet, vor dem Bahnübergang. Als sich die Schranke öffnete, war sie einfach neben ihm hergelaufen, hatte ihn gefragt, ob er zu Besuch sei, und sich bemüht, Schritt mit ihm zu halten. Er hatte ihr von der Stadt erzählt, in der er lebte, von der Villa mit dem Garten und von seinen Eltern, die ihn hierher aufs Land zu seinem Onkel geschickt hatten, weil sie meinten, es wäre im Moment besser für ihn. Sie hatte ihm von ihrer Mutter erzählt, die Schneiderin war und mit der sie, seit dem Tod des Vaters, allein lebte.
Vor dem Tor des Gutshofes hatte sie ihm verlegen lächelnd die Hand hingestreckt und gefragt, ob er sie am Abend zum Tanz begleiten würde. Erstaunt schaute er sie an, mit einem Blick, der nicht zu verstehen schien. Sein Zögern aber machte ihr Mut. „Ich hole Sie um sieben Uhr ab“, hatte sie gesagt und war davon gerannt.
Am Abend trug sie ihr blaues Seidenkleid, Kniestrümpfe und eine weiße Strickjacke. Unterm Arm klemmte eine alte Handtasche ihrer Mutter.
„Guckt mal, die bringt den Krüppel mit!“, brüllte jemand, als sie den geschmückten Festsaal betraten.
„Für solche wie den ist hier kein Platz!“, schrie ein anderer.
Sie hatte die Stimme sofort erkannt. Es war der Sohn des Fleischers, der seit Kurzem eine braune Uniform trug. Schützend hatte sie sich vor den Rollstuhl gestellt. Aber irgendwer schubste sie zur Seite, spuckte aus vor ihr und brüllte ihrem Begleiter ein dröhnendes „Heil Hitler!“ ins Ohr.
Eilig hatten sie den Saal verlassen, waren durch den Abend geirrt, erschrocken und schweigsam zuerst, später dann hatten sie ihre Worte wiedergefunden, am Bach unter den Bäumen gesessen und über die Zukunft geredet.
Sie ging ins Schlafzimmer hinüber. Er lächelte im Schlaf. „Du wirst gesund, mein Liebster, ich weiß es, alles wird gut!“, flüsterte sie.
Auf der Straße schellte der Milchmann. Sie nahm die verbeulte Kanne vom Schrank, das Geld, das abgezählt daneben lag, und lief hinaus.
„Da habt ihr den verdammten Krieg überstanden“, sagte der Mann, „und jetzt das. Wird er wieder gesund werden?“
„Ja“, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Von allen Seiten strömten jetzt Frauen herbei, viele von ihnen verwitwet, alt und krummbeinig, in verschlissenen Kitteln, dunkle Kopftücher im Haar. Nur wenige waren jung wie sie, gingen mit federnden Schritten, die Milchkannen hin- und her schwenkend.
Sie wusste, alle diese Frauen würden ihr hinterher schauen und mitleidig die Köpfe schütteln.
Sie ging ins Schlafzimmer und blieb vor seinem Bett stehen. „Ich habe dir frische Milch geholt“, sagte sie leise und beugte sich zu ihm hinab, um seinen Atem zu spüren.
Damals, in jener Nacht am Bach, hatte er ihr erzählt, dass er bald studieren würde, um Rechtsanwalt wie sein Vater zu werden und für Gerechtigkeit zu kämpfen.
„Wie will der denn kämpfen, ohne Beine?“, hatte ihre Mutter gesagt und abgewinkt.
Und dann war plötzlich Krieg gewesen.
„Der junge Herr ist in die Stadt zurückgekehrt“, hatte man ihr auf dem Gutshof gesagt und ihr die Wange gestreichelt.
Sie hatte ihm Briefe geschrieben, aber er hatte nicht geantwortet. Einmal war sie sogar hingefahren, heimlich, mit dem Zug, ohne jemandem davon zu erzählen, aber das Haus mit dem Garten hatte leer gestanden.
Sie hatte angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. Nur für ihn, weil sie wusste, dass er irgendwann kommen und es lesen würde. Und er war gekommen. Mitten in der Nacht. Sie war aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil er vor ihrem Fenster ihren Namen gerufen hatte. Im Schlafanzug war sie hinaus auf die Straße gelaufen. Ihre Mutter hatte die Hände vor der Brust zusammengeschlagen. „Willst du uns ins Elend stürzen, Mädchen?“
„Er bleibt!“, hatte sie gesagt und ihn im Keller versteckt, hinter den Regalen mit den Einmachgläsern. Lange, bevor er gekommen war, hatte sie diesen Platz für ihn hergerichtet.
Zwei Mal waren Männer aus der Stadt da gewesen, mit einem schwarzen Auto vorgefahren, hatten nach ihm gefragt, ihr gedroht, aber sie hatte die Nerven bewahrt, die Männer sogar durchs Haus geführt. Das Versteck war unentdeckt geblieben.
In den Nächten, wenn das Dorf schlief, war sie zu ihm hinunter gegangen, hatte ihm Milch mit Honig gebracht, erzählt, was in der Welt passierte, welche Farbe der Himmel hatte und wie die Bäume dufteten. Dabei hatten sie sich an den Händen gehalten, Gebete in die Dunkelheit geflüstert und über ihre Zukunft geredet.
Sie stand immer noch vor ihm, die Milchkanne in der Hand. „Schlaf nur, mein Liebster, ich weiß, dass du gesund wirst.“ Dabei strich sie ihm übers Haar und küsste ihn zärtlich. Dann ging sie in die Küche, die Milch zu wärmen.


(21,7 P.)

Dienstag, 14. September 2010

Sabine Möhlmann: Von Krieg und Frieden

"Krieg ist schrecklich!" denke ich und greife in die Chipstüte. Gebannt starre ich auf den Bildschirm. Bilder einer zerstörten Stadt. Vor Spannung bleibt mein Mund offen stehen, ich zerdrücke die Chips in der Hand. "Furchtbar…" denke ich und stecke die Krümel in den Mund, kaue darauf herum.


Gefangene Soldaten werden gezeigt. Verletzt. Einer blutet an der Stirn, der andere kann nur mit Schwierigkeiten aufrecht sitzen und brabbelt vor sich hin. "Oh Gott!" Angenehme Schauer des Entsetzens laufen mir den Rücken hinunter. Ich fühle mit, leide mit, fühle, dass ich noch lebendig bin - und greife zu meinem Bier, trinke einen Schluck.

Journalisten werden befragt: "Welche Konsequenzen hat die Folter auf die Psyche der Soldaten?" Kalte Schauer des Entsetzens machen sich breit. Es kribbelt auf meinen Armen, meiner Haut. "Mein Gott! Die armen Soldaten!" flüstere ich. Meine Muskeln und Sehnen sind gespannt – auf einmal bin ich froh, hier zu sein, in unserem Land, wo Frieden herrscht… Mein Herz rast – ich kann meine Augen nicht von den furchtbaren Bildern abwenden und lausche dem grauenvollen Gebrabbel des Soldaten im Hintergrund.

"Welche Auswirkungen hat der Krieg auf uns?" Experten werden befragt. "Können wir noch beruhigt in Urlaub fahren?"

Auf einmal bin ich nicht mehr so mitfühlend und ergriffen! Ich knalle die Bierflasche auf den Tisch. Ich werde laut, springe auf und rufe: "Den Urlaub habe ich mir verdient! Ich habe ein Recht darauf!" Panik steigt in mir auf.

Kämpferisch hebe ich die Bierflasche in die Luft! "Scheiß Krieg!" rufe ich. " Die sollen ihre Probleme lösen, ohne uns da mit rein zu ziehen!"

Auf einmal merke ich, dass der Experte weiter redet. Ich habe nicht mitgekriegt, was er gesagt hat. Also setze ich mich aufs Sofa und lausche angestrengt, um noch die ein oder andere Information mitzukriegen.

"Es ist ein Blitzkrieg. Im Sommer ist alles vorbei…!" Beruhigt lehne ich mich zurück. "Die meisten Urlaubsziele sind nicht betroffen…!"
"Guuut!" denke ich.
"…es ist jedoch damit zu rechnen, dass weltweit die Ölpreise steigen werden – auch bei uns!"

Sauer stehe ich auf, schalte den Fernseher aus, schmeiße die Fernbedienung in die Ecke und denke: "Scheiß Krieg!"



(21,4 P.)

Mittwoch, 8. September 2010

Dirk Köster: Tänze auf Vulkanen (u.a.)


Wir leben in harten, ja panischen Zeiten.
Ereignisse, die sich rapide verketten,
verursachen Not und gewaltige Pleiten,
bloß: Wetten, dass Banken und Börsen drauf wetten?

Dann sucht man nach Erden, die seltener werden,
braucht Kohle, auch Öl von brutalen Despoten.
Wir sitzen auf Bomben, die jeden gefährden.
Die strahlende Gegenwart zählt ihre Toten.

Zum Selbstmord entschlossene, schlichte Gemüter
und böse Fanatiker lassen es krachen.
Ein Laden ist weg, doch nun lagern noch Hüter.
Die Freiheit geht ein, wenn wir alles bewachen.

Diverse Politiker gleichen Kopien,
verstrickt zwischen Lügen und zahlreichen Zwängen.
Die Ärmsten verenden und können nicht fliehen.
Ihr Elend rangiert auf den hinteren Rängen.



es sind die menschen

es sind die menschen
die sich nach liebe sehnen
nach geborgenheit und mitgefühl
die sicher und sorgenfrei leben möchten
in einer freien und friedlichen welt
in einklang mit sich selbst und der natur
heute genauso wie in der zukunft
es sind die menschen
die ihre zeit in ruhe genießen wollen
ohne dabei gestört zu werden
von irgendwelchen streithähnen
gegen die sich zur wehr setzen
notfalls anwälte einschalten
oder die fäuste sprechen lassen
es sind die menschen



Feldverweis

(13. Teil meines Sonettkranzes „Standortbestimmung“)

Die Welt pulsiert, wir treten auf der Stelle.
Der Fortschritt ist ein zweischneidiges Schwert.
Was manchen nützt, bleibt anderen verwehrt.
So gibt es regelmäßig aktuelle

Konflikte wegen Geld und Öl und Glauben.
Das Pulverfass steht mächtig unter Dampf.
Bei Unterjochung wie gerechtem Kampf
verdrängen dunkle Falken weiße Tauben.

Wir hatten ehedem brutal gespürt,
wie Heil und Hitler auseinander klaffen,
dass Krieg in üble Katastrophen führt.

Doch auch noch heutzutage setzt man stur
darauf, dass deutsche Waffen Frieden schaffen,
und unerbittlich tickt die große Uhr.



(21,0 P.)

Samstag, 4. September 2010

Karin Szivatz (Österr.): Rosensterben



Rosenblüten
Erwachen taufrisch
Am Morgen
Des Kriegsbeginns
Und sterben
Farbenfroh,
Noch mit Tautropfen an ihren Rändern



(21,0 P.)

Dienstag, 31. August 2010

Frederieke Ruberg: Die einsame Mauer


Jocey saß auf der eingestürzten Mauer am Stadtrand. Auf seinem Schoß lag das Maschinengewehr, welches einer der Männer, die ihn zusammen mit den anderen Kindern hergebracht hatten, ihm vor Wochen in die Hände gedrückt hatte. Die Munition hing über seiner Schulter. Inzwischen hatte er sich an das Gewicht gewöhnt.
Die Explosionen hatten aufgehört und es kamen keine Flugzeuge mehr. Die Erwachsenen feierten. Sie sagten, dass nun endlich der Frieden gekommen sei. Sie redeten davon, dass das Regime des Diktators gestürzt worden sei und, dass sich nun alles ändern würde – zum Besseren. Jocey verstand von diesen politischen Dingen nichts, doch die Erwachsenen hatten ihm erklärt, dass er nun nicht mehr würde kämpfen müssen. Er konnte endlich nach Hause zurückkehren, zurück zu seiner Mutter und seiner 4-jährigen Schwester, die nur drei Jahre jünger war als er selbst.
Er erinnerte sich noch daran, wie sie sich unter Tränen von ihm verabschiedet hatten. Seine Mutter hatte vor ihm gekniet und ihn umarmt. Er hatte ihre Tränen nass und kalt auf seiner Wange gespürt. Danach hatten die Männer ihn und die anderen Kinder auf einem ihrer Trucks mitgenommen. Auch jetzt wartete er auf einen der Trucks, die schon vor dem Morgengrauen die Stadt verlassen würden. Einer der Männer hatte ihm gesagt, dass er ihn mit nach Hause nehmen würde.
Jocey starrte auf den Horizont, der sich bereits heller färbte. Er war erleichtert, dass er nun endlich gehen durfte. Er war erleichtert, dass er nun nicht mehr kämpfen musste. Es ängstigte ihn, wie sehr das Gewicht der Waffe ihn inzwischen beruhigte. Früher hatte er Angst vor den Gewehren gehabt, hatte sich davor gefürchtet, mit einer geladenen Waffe auf ein Ziel zu feuern. Mit der Zeit hatte er sich daran gewöhnt; von Mal zu Mal war es ihm einfacher gefallen.
Noch immer sah er in seinen Träumen, wie die getroffenen Männer zu Boden fielen, wie das Blut aus ihren Wunden quoll und zu Boden tropfte, wie sie ihn aus ihren leeren Augen anstarrten. Jocey schüttelte den Kopf, wie als wollte er diese düsteren Gedanken abschüttelt. Plötzlich war ihm kalt und sein Hals war trocken. Er wollte jetzt nicht an die Kämpfe denken; es reichte, wenn er jede Nacht von den Toten träumte und dann Schweiß gebadet und schreiend aufwachte. Die anderen Kindern hatten ebenfalls Albträume. Auch sie schrien in der Nacht. Keiner von ihnen hatte je offen darüber gesprochen.
Vielleicht würde Jocey auch seine Freunde in seinem Dorf wieder sehen. Sie waren alle in verschiedenen Trucks fort gebracht worden, einige hatte man von ihm getrennt. Er hoffte, dass sie überlebt hatten. Zu oft hatte er die anderen Kinder, die hier im Lager seine Freunde geworden waren, sterben sehen. Bei einigen war es schnell gegangen, andere hatten gelitten, hatten unter Schmerzen geschrien und waren später verblutet oder ihren anderen Verletzungen erlegen. Er hoffte, dass es seinen Freunden nicht so ergangen war. Er hatte den Fußball, den sie sich damals vor ihrer Abreise gebastelt hatten, in seinem Zimmer versteckt. Vielleicht würden sie gemeinsam auf dem kleinen Platz im Dorf spielen können. Er war immer gut im Tore schießen gewesen. Er fragte sich, ob er immer noch so gut spielen konnte, nachdem er so lange nicht hatte üben können.
Das Geräusch eines Motors schreckte ihn auf. Jocey sah sich um und sah in einer Staubwolke einen dunklen Truck die Straße empor rasen. Er sprang auf und riss sich den Gurt des Maschinengewehrs über den Kopf. Er wusste selbst nicht, warum er die Waffe mitgenommen hatte. Die Munition würde er nicht zurück lassen. Seine Schwester würde ihn für einen Helden halten, wenn er so zu ihr zurück kehrte. Ihm gefiel dieser Gedanke.
Der Fahrer des Trucks drückte die Bremsen durch, die Reifen drehten auf dem sandigen Untergrund durch und das Fahrzeug hielt rutschend neben der Mauer. In dem Fahrerhäuschen waren alle Plätze besetzt; es waren zwei Männer, die dort saßen. Derjenige am Steuer hatte Jocey angeboten, ihn mitzunehmen.
Jocey lief zur Rückseite des Fahrzeugs. Zwei Männer auf der Ladefläche sprangen auf und ließen die hintere Klappe hinunter. Sie halfen Jocey zu ihnen hinauf zu klettern. Drei weitere Männer saßen auf der Ladefläche, zwischen ihnen zwei Jungen in Joceys Alter. Sie nickten einander zu. Niemand sprach. Sie wollten alle nur nach Hause.
Jocey ließ sich in einer Ecke nieder und zog seine Beine an. Der Truck rollte an und wurde immer schneller. Der Fahrtwind blies ihm hart uns Gesicht und er wandte den Kopf ab, damit der Staub nicht in seine Augen drang. Er sah zurück zu der eingestürzten Mauer, auf der er gerade noch gesessen hatte. Das Maschinengewehr wurde immer kleiner und kleiner, bis es kaum noch zu erkennen war. Er würde nie wieder eine solche Waffe brauchten.
Jocey lehnte sich zurück. Frieden. Er fragte sich, wie dieser wohl sein würde.


(21,0 P.)