Samstag, 3. November 2012

Zitate zum Soldat-Sein (1)


„Denn sie wissen, was sie tun! Krieg ist gegen den Willen Gottes. Nun ja, das ist viel gesagt und gar nichts getan. Mord ist auch gegen den Willen Gottes. Aber damit, dass ich das feststelle und Morde nicht verhindere, habe ich eben noch gar nichts getan. Und damit ist heute die Ausbildung zum Soldaten die Hohe Schule für Berufsverbrecher. Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wenn sie ihren Sohn Soldat werden lassen. Sie lassen ihn zum Verbrecher ausbilden.“

– Martin Niemöller, Kassel, 25.1.1959

Freitag, 12. Oktober 2012

Britta Erlemann: Triptychon „Frieden ist mehr…“

I. Abendfrieden

Draußen
schweigt
die Dunkelheit
aus der Nachbarwohnung
gedämpfte Stimmen,
leise Schritte
der Wecker tickt
neben meinem Bett
loslassen
von der Hektik
des Tages
gleichmäßig tief
atmen
Muskeln
entspannen
im Kopf
zur Ruhe
kommen
letzte Fragen
an den vergangenen
Tag
trete meine Reise an
in die Nacht
reiche den Träumen
die Hand
flieg
ins Anderland
bis morgen.
6.5.2011

2
II. Seelenfrieden

Still
liegt sie da
ein einsamer See
im Wald
ruhig die Oberfläche
nur sanftes Plätschern
wie Entenfüße
im kühlen Wasser
Dann wieder
brandende Wogen
wie Meer
rauschend
sprudelnd
Züngelnde Flammen
knisternd heiß
mal Streichholzklein
mal Osterfeuergroß
Laues Lüftchen
mild
dann wieder Sturm
schneidend kalt
Ich kann es halten
das Auf und Ab
meiner Seele
mit Erde
unter den
Füßen
in Balance
Seelenfrieden -
keine Psychose…
21.5.2011


III. Waffenfrieden?

8. Mai 1945
Welt-Kriegsende
in Deutschland
knapp 25 Jahre später
kam ich
auf die Welt
im Frieden
keine Bomben
von Deutschen
keine Bomben
auf Deutschland
damals offiziell
und Frieden
heißt es
hätten wir
immer noch
doch herrschte seitdem
Krieg gegen Frauen:
Vergewaltigungen,
häusliche Gewalt
Krieg gegen Umwelt:
Zerstörung
Krieg gegen Arme:
Hartz IV,
prekäre Beschäftigungen
Krieg in Afghanistan:
deutsche SoldatInnen vor Ort
Krieg in Libyen:
auch mit deutschen Waffen
und das Coltan
für deutsche Handys
finanziert den
Krieg im Kongo

Frieden
ist mehr
als keine Bomben
auf Deutschland
Frieden heißt Respekt
vor allem
was lebt
und noch mehr.
7./25.5.2011




Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.

Jürgen Rath: Kein Frieden auf Helgoland?


Wilhelm Thiessen wartete. Er ruckelte sich im Rollstuhl zu Recht und zupfte an der Decke über seinen Beinen. Dann schabte er sich übers Kinn, es gab ein kratzendes Geräusch. Wieder wartete er. Warten war nicht seine Stärke, immer noch nicht, trotz seiner 87 Jahre.
Endlich schwang die Doppeltür auf. Ein junger Mann kam auf ihn zu. Wilhelm kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
„Wer bist du?“, fragte er misstrauisch.
Der junge Mann lächelte. „Ich bin Tom, Ihr neuer Betreuer. Ich mache hier mein freiwilliges Soziales Jahr.“
Wilhelm Thiessen überlegte. Wie hieß der andere noch mal, der sonst da war? Schon vergessen! Der hier heißt Tom. Das muss ich mir merken, dachte er. Tom! Komischer Name, früher hießen die immer Thomas.
„Du willst ein Jahr lang alte Männer über die Insel schieben?“, fragte er. „Freiwillig?“
„Ich warte auf meinen Studienplatz. Ich will Arzt werden.“
„Arzt ist immer gut. Was hältst du von Sterbehilfe?“
„Wohin wollen Sie heute, Herr Thiessen?“
„Kannst du überhaupt Rollstuhl schieben?“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Wird schon gehen. Wir brauchen ja nicht aufs Oberland hinauf.“
Am Anleger blieben sie eine Zeitlang stehen und schauten zu den Seebäderschiffen hinüber, von denen gerade die Touristen ausgebootet wurden.
„Eintagsfliegen“, schimpfte Wilhelm, „kommen morgens her und sind abends wieder weg. Bringt aber viel Geld.“
„Wohin geht’s jetzt, Herr Thiessen?“
„Immer nach Norden. – Wenn du weißt, wo Norden ist.“
Auf dem asphaltierten Weg rollten sie am Kai entlang. Wilhelm Thiessen schaute über das Meer, prüfte Windrichtung und Stärke, schätzte die Sichtweite. Dann hob er die Hand, Tom zog die Bremse.
„Schlechtes Wetter, ganz schlechtes Wetter“, verkündete der alte Mann. „Ruhige See und diesige Luft, keine drei Seemeilen Sicht. Gut für Torpedoboote, aber schlecht für uns Fischer.“
Tom schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Torpedoboote mehr.“
Wilhelm machte eine abwehrende Handbewegung, wollte nicht unterbrochen werden. „Ist egal, wie du sie nennst. Die kommen aus dem Nebel herangefegt, Torpedo abgesetzt, und dann sind sie wieder weg. Es hat sich nichts geändert in all den Jahren, wir haben immer noch Krieg.“
„Herr Thiessen, der Krieg ist seit 1945 vorbei!“
Wilhelm blickte zu seinem Begleiter auf. Er konnte ihn nur undeutlich erkennen. Meine Augen werden auch immer schlechter, dachte er.
„Du glaubst wohl, die See schützt uns? Das ist falsch, ganz falsch! Die See lädt zum Raub ein. Sie ist das Aufmarschgebiet für Mord und Totschlag.“
„Da bin ich aber mal gespannt.“
„Erst kamen die dänischen Wikinger, dann die Seeräuber. Und 1864 hatten wir einen richtigen Krieg hier vor Helgoland. Eine Seeschlacht. Die Dänen gegen die Österreicher. Da staunst du: Österreich zur See, klingt wie ein Witz.“
„Ist schon lange her“, sagte Tom gelangweilt.
„Im Jahre 1914 gab’s ein Seegefecht mit den Engländern, und dann noch mal 1917. Da wurden unserer Jungs richtiggehend verheizt, der Tommy hatte ja viel schnellere Schiffe.“
Sie hatten das Ende des Kais erreicht, hier begann der Strand. Tom half dem alten Mann aus dem Rollstuhl. Wilhelm ließ sich auf den Boden gleiten und vergrub die Hände im Sand. Heißer Sand ist gut für die Gichtknoten an den Fingern, dachte er, besser als diese ekligen Matschpackungen.
„Nach dem großen Krieg hatten mein Vater eine Zeitlang Ruhe hier auf der Insel“, sagte er, „da konnte er wieder fischen und seine Familie ernähren. Doch dann kam dieser Anstreicher aus Österreich, der ließ graben und wühlen, wollte einen riesigen Kriegshafen bauen. Wir hatten schon damals das Gefühl, dass es bald wieder losgeht.“
„Was haben Sie im Krieg gemacht?“, fragte der junge Mann mit leichter Neugierde in der Stimme. „Sie waren doch noch ziemlich jung. Wurden Sie eingezogen?“
„Nee, ich war mit meinem Vater auf unserem Fischkutter. Wir waren zwangsverpflichtet. Mussten raus als Vorpostenboot.“
Wilhelm blickte nach Norden, sagt lange Zeit nichts.
„Der Tommy hat uns nicht erwischt, wir waren sehr vorsichtig, wir hatten’s nicht mit Heldenmut und so. Aber wir sind auf eine Mine gelaufen. Wahrscheinlich eine eigene, die trieb im Wasser, die muss sich losgerissen haben. Die hat den Kutter geradezu auseinander gerissen, die zerfetzte uns richtiggehend.“
„Aber Sie haben überlebt.“
„Ich stand zufällig am Heck, ich bin davongekommen. Aber meinen Vater hat’s erwischt, von ihm ist nichts übrig geblieben. Ich flog durch die Explosion ins Wasser, hab mich dann irgendwo festgeklammert, es trieb ja genügend rum, ich glaub, es war das Dach vom Ruderhaus. Nach dem ersten Schreck hab ich gerufen und geschrieen, aber Vater war weg.“
„Sind Sie an Land geschwommen?“
„Ach nee, ich wollte gar nicht zurück, ich wollte weiter suchen. Aber die von dem Schnellboot haben mich nicht gelassen, die haben mich rausgezerrt aus dem Wasser und in der Koje festgebunden. Und so einer in Nazi-Uniform hat gebrüllt, dass er mich vor ein Kriegsgericht schleift, wenn ich wieder ins Wasser springen würde.“
Wilhelms Stimme war leise geworden, er schniefte und rieb sich die Augen. „Na ja, kurz vor Kriegsende wollten ein paar Kollegen mit dem Tommy Kontakt aufnehmen. Damit die unsere schöne Insel nicht kaputt machen, der Krieg war ja eh schon verloren. Aber die Nazis haben das spitz gekriegt. Die haben alle abtransportiert nach Cuxhaven und dort hingerichtet. Am 18. April, drei Wochen vor Kriegsende, stell dir das mal vor.“ Er wischte sich erst die Tränen weg, rieb dann mit dem Ärmel unter der Nase entlang. „Ich weiß das noch ganz genau, das war der Tag, an dem die Engländer unsere Insel bombardiert haben, fast zwei Stunden lang.“
Tom legte dem alten Mann seine Hand auf die Schulter. „Der Krieg ist vorbei“, sagte er, „jetzt ist Frieden. Seit mehr als 60 Jahren.“
Wilhelm blickt ärgerlich zu dem jungen Mann hoch. „Frieden? Ich hab keinen Frieden. Ich hör immer noch die Mine, wie sie hochgeht. Und ich hör immer noch die Sirenen und die Bomben. Manchmal wach ich auf, ganz schwitzig. Und ganz verzweifelt. Weil ich meinen Vater nicht finden konnte im Schlaf.“
„Posttraumatische Belastungsstörung“, sage Tom. Das Wort kam ihm locker über die Lippen, so als hätte er es schon häufig benutzt.
„Nix post, aber traumatisch. Mir geht’s immer dann schlecht, wenn ich die Tagesschau sehe oder Zeitung lese. Bosnien! Kannst du dich daran noch erinnern? Ach nein, du bist zu jung. Aber Irak, Afghanistan, Libyen, Syrien, Indonesien, Afrika! Nennst du das Frieden? Frieden ist mehr als ruhig schlafen können, nur weil ein Meer zwischen uns und den anderen liegt.“
„Sie können sich nicht den ganzen Schmerz der Welt auf die Schultern laden.“
Der junge Mann schob den Rollstuhl jetzt nach Süden, dem Anleger zu. Er deklamierte leise ein Gedicht: „Heute rufe ich dir zu, heute kannst du Frieden schaffen, lange widerstrebtest du, nun sei endlich dafür offen.“
„Reimt sich nicht“, schimpfte Wilhelm Thiessen.
„Ist nicht von mir, ist von Uwe Schmidt. Mir gefällt es trotzdem.“
Auf der Hälfte der Strecke hob Wilhelm plötzlich die Hand. Er blinzelte zu dem jungen Mann hinauf. „Wie wäre es mit ein bisschen Sterbehilfe, Herr Doktor? Du schubst mich jetzt mitsamt dem Rollstuhl über die Kaikante. Das sieht wie ein Unfall aus. Dann bin ich wieder bei meinem Vater und habe endlich Ruhe. Und du bist mich los. Und im Heim wird ein Platz frei.“
Der junge Mann riss erschrocken die Augen auf, seine Hand krallte sich um die Bremse. „Nein, das mach ich nicht!“
„Na gut, dann eben nicht.“ Wilhelm schaute seinen Betreuer vorwurfsvoll an. „Was stehst du hier rum? Fahr mich endlich nach Hause. Meine Windel ist voll.“






Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Manuela Jäkel: Frau Boisenbergs Nummer





Die Boisenbergs verbringen bei gutem Wetter jeden Nachmittag in ihren Liegestühlen auf dem gepflegten Rasen hinter der weißgetünchten Villa.Die Liegestühle stehen immer an derselben Stelle, dicht nebeneinander, so dicht , dass die Armlehnen sich berühren. Von den dunkelroten Marmorplatten der Terrasse führen zwei Reifenspuren zum Ruheplatz Frau Boisenbergs. Dort hebt ihr Mann sie aus dem Rollstuhl und lässt sie vorsichtig auf die Liege gleiten, bevor er sich neben sie setzt. „Lass mich doch im Rollstuhl sitzen, das tut deinem Rücken nicht gut, mich dauernd zu heben,“ sagt sie oft. „Aber hier,“ sagt dann Herr Boisenberg und klopft auf seine linke Brustseite, „hier tut’s mir gut, also mache ich’s, solange ich kann.“ Die Meinung der Nachbarschafft ist allerdings, dass seine Fürsorge Herrn Boisenbergs Geldbeutel gut tut. Seine Frau ist sechs Jahre älter als er. Ihr Vater war Chefarzt an einer renommierten Klinik und das Haus, der gepflegte Garten und die kostbaren Marmorplatten gehören genau genommen ihr. „Wenn die mal das Zeitliche segnet, und glauben Sie mir, so wie die aussieht dauert es nicht mehr lange, ist er ein gemachter Mann.“ Das ist Klaras Meinung und der Metzgersfrau widerspricht selten einer. Der, der es wahrscheinlich getan hätte, Herr Boisenberg selber, geht selten einkaufen. Sophie, die Kleine von Bergers mit den Korkenzieherlocken, macht hin und wieder ein paar Besorgungen für die Boisenbergs. Größere Lieferungen werden ins Haus geschickt. Das Ehepaar geht nie auf Besuch und niemand aus dem Ort ist jemals in der Villa gewesen. So sind sie mit den Jahren zum beliebtesten Thema bei den Klatschmäulern der Kleinstadt avanciert. Bis die Aussiedler kommen. Direktor Siebel muss trotz schwerer Proteste seiner Anwälte die ungenutzte Fabrikhalle zur Verfügung stellen. Plötzlich ist wieder Leben in dem alten Gemäuer, huschen Schatten hinter den beschlagenen Fenstern umher, fremde Gerüche und Gesänge dringen auf die Straße. Manchmal geht eines der Fenster auf und blasse Gesichter blicken ernst in die fremde Welt. Lächeln tun sie nur manchmal, wenn die Lennstedter Kinder auf ihrem Schulweg vorbeikommen. Dann winken sie und die Kinder winken zurück. Bis es die Eltern verbieten. Einige sprechen im Rathaus vor, ob es da denn gar keine Möglichkeit gäbe. „Jetzt denken Sie nichts Falsches, Herr Bürgermeister, ich habe ja nichts gegen die persönlich, aber so viele und so dicht dran, verstehen Sie? Neulich stand einer drüben beim Kinderspielplatz und hat die ganze Zeit zu den Schaukeln rübergesehen ...“ Der Bürgermeister rückt unbehaglich an seiner Krawatte und schüttelt bedauernd den Kopf.
Bald sind sie überall: Auf dem Spielplatz, an der Bushaltestelle, auf der Hauptstraße und natürlich beim Einkaufen. Kinder starren, Jugendliche kichern hinter vorgehaltener Hand und Frauen sehen schnell zur Seite, wenn die Fremden im Supermarkt erscheinen, in den Hosen, Röcken und T-shirts aus der kirchlichen Kleiderkammer, blasse Gesichter unter dunklen Haarschöpfen, denen man die slawische Abstammung deutlich ansieht, zu deutlich für die Bewohner einer süddeutschen Kleinstadt. „Irgendwie anders eben.“ Klara spricht es aus, während sie drei Pfund Schweinebraten einpackt und die Kunden im Laden nicken beifällig. Ansonsten versucht man „die aus der Fabrik“ so gut es geht zu ignorieren.
Dann passiert der Vorfall mit den Siebel-Kindern. An der Kasse im Supermarkt gibt es diese leckeren Kaugummis, mit denen man Riesenblasen machen kann. „Bitte greifen Sie zu!“ steht auf einem überdimensionalen Plastikschild. Und der fünfjährige Norbert Siebel greift zu. Im nächsten Augenblick sieht Wilfried, sein älterer Bruder, einen großen Mann in schwarzer Lederjacke auf sie zukommen. Er handelt instinktiv. Seinem Bruder das Päckchen entreißen und es in den Korb eines fremden Mädchens fallen lassen, ist eins. Schon ist der Hausdetektiv da. „Die war’s!“ Wilfried weist energisch auf das zitternde Wesen mit den wasserblauen Augen. „Die war’s, die war’s,“ echot Norbert fröhlich. Alle Augen sind auf das Mädchen und einen hageren Mann gerichtet, an dessen Hosenbeine sich das Kind geklammert hat. Schon geht der Detektiv auf die Fremden zu.
Halt!“ Eine Stimme donnert durch den Verkaufsraum, dass die Marmeladengläser klirren. Niemand hat vorher Herrn Boisenberg bemerkt. Nun steht er vor Wilfried Siebel und brüllt mit einer Stimme, die ihm nicht zu gehören scheint: „Schämst du dich nicht? Dein Bruder stiehlt und du schiebst die Tat einer Unschuldigen in die Schuhe, die sich nicht wehren kann, weil sie unsere Sprache nicht spricht! Pfui Teufel, sag ich, pfui Teufel!“ Und der ruhige, zurückhaltende Mann aus der Nordstadtvilla spuckt tatsächlich auf den Kachelboden im Supermarkt. Doch damit nicht genug. Er geht zu den Fremden hin und lächelt Vater und Tochter freundlich an. „Entschuldigen Sie bitte!“ Gemeinsam verlassen sie die Einkaufshallen. „Recht gehabt hat er ja,“ verkündet Klara am nächsten Tag jedem, der es wissen will, „aber entschuldigen muss man sich bei denen nun nicht gerade. Sonst kriegen die hier noch Oberwasser!“
Von nun an hilft der Fremde den Boisenbergs öfter im Garten. Herr Boisenberg hat im Schuppen ein Brett aufgetrieben und es an zwei Seilen in den Kirschbaum gehängt. Darauf sieht man die kleine Davina oft schaukeln, während ihr Vater die Beete umgräbt. Manchmal spielen sie auch mit Frau Boisenberg am Gartentisch „Mensch-ärgere-dich-nicht“. Als alles zu spät ist, wird sich keiner erinnern wer das Gerücht in Umlauf gebracht hat, aber schließlich ist der neue „Hilfsgärtner“ junger Witwer und er hat so etwas Wildes im Blick. Sie ist zweifellos alt und invalid dazu, aber trotzdem doch gepflegt und natürlich ungeheuer wohlhabend. „Der Alte kann einem beinahe Leid tun,“ meint Ella aus dem Schuhgeschäft, „und dabei hat er den Kerl mit seinen stechenden Augen selber ins Haus gebracht. Die Russen sollen ja brutal sein, aber mancher gefällt’s halt.“ Frau Berger, ihre Freundin, schüttelt nur fassungslos den Kopf. „Auf jeden Fall wird Sophie da nicht mehr hingehen. Wer weiß, was noch alles passiert!“
Es passiert am Samstag Nachmittag.
Sophie wird auf dem Heimweg vom Spielplatz überfallen. Der Täter zerreißt ihr Kleid und nur weil sie wie am Spieß schreit, lässt er von ihr ab. Das Mädchen steht unter Schock und kann keinerlei Beschreibung abgeben. In dieser Nacht marschieren hundert Lennstedter Bürger zur Fabrik. Boisenbergs beobachten die Szene vom Fenster aus. „Asylanten raus, Sexualschweine nach Haus!“ skandieren die Menschen. Dann klirren die ersten Scheiben. „Mein Gott, Davina ist doch da drin!“ Frau Boisenberg umklammert die Armlehnen ihres Rollstuhls. „Und die anderen Kinder, mein Gott, sie werden doch den Kindern nichts tun, oder?“ Ihr Mann nimmt ihre Hand. Schweigend starren sie hinaus. Niemand kann später erklären, warum die Polizei erst eine Stunde später eintrifft. Nur mit Mühe kann sie die Menschen auseinander treiben. Ein Notarztwagen kommt mit heulenden Sirenen heran. Automatisch macht man die Gasse zur Fabrik frei, aber die Ambulanz hält vor der Villa. Frau Boisenberg wird herausgebracht, mit kalkweißem Gesicht folgt ihr Mann der Trage. Im Schein des zuckenden Blaulichts kann man lesen, was an die weiße Fassade der Villa gesprüht steht: RUSSENLIEBCHEN. Auch wer dafür verantwortlich ist, wird niemals geklärt werden. Frau Boisenberg stirbt in der gleichen Nacht an Herzversagen.
Am Morgen erscheint ein Kriminalkommissar im Haus der Familie Berger und informiert Sophies Eltern offiziell über die Festnahme eines Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Der Sohn aus gutem Hause hat den Überfall beim Spielplatz bereits gestanden. Es war eine Art Mutprobe, um in die begehrte Clique aufgenommen zu werden.
Eine Woche später wird Frau Boisenberg beigesetzt. „Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung“ wird es am nächsten Tag im Stadtanzeiger heißen. „Man muss natürlich hin,“ da sind Klara und Ella sich einig. Die meisten Bewohner haben übergroße Kränze und Blumensträuße bestellt. In der Kapelle stockt ihnen allerdings kurz der Atem. Vor dem Altar steht ein Rabbi. „Na, da soll doch...,“ stottert Direktor Siebel. „Ich hatte keine Ahnung, bei Gott, nicht die geringste,“ antwortet der Bürgermeister halblaut. „Das ist ja vielleicht ‚ne Nummer!“ hört man aus den Reihen der Jugendlichen. „Papa, woher weiß der das mit der Nummer?“ Das ist Sophies ernstes Kinderstimmchen. Sie hat darauf bestanden, heute dabei zu sein.
Welche Nummer meinst du?“ fragt ihr Vater zurück. „Natürlich die auf dem Arm von der Frau Boisenberg! Die geht nie wieder weg, auch nicht beim Waschen!“ Alle Augen sind plötzlich auf Sophie gerichtet, die die Aufmerksamkeit sichtlich genießt. „Die war als Kind in einem Lager, das sah fast so aus, wie die Fabrik hier. „Hiller, glaub’ ich...,“ die Kinderstirn legt sich einen Moment in Falten, dann kommt es stolz: „Jetzt weiß ich’s wieder: Hitler hieß der Besitzer von dem Lager!“ In diesem Moment beginnt der Rabbi die Trauerrede.





Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.

Freitag, 21. Oktober 2011

Johann Peter: Domicella loryx / Mir

Domicella loryx

Auf jenem Archipel in der Südsee,
den der Name des weisen Salomon ziert,
trifft man ein Papageienvolk an,
das - hierin manch verwandter Vogelart ähnlich –
in einem Hautsack am Kehlkopf
Nahrung aufspart.
Die Vögel Salomons aber
zeichnet ein Übriges aus,
denn eh noch, bedingt durch räumliche Enge in ihrem Revier
oder Mangel an Futter,
Gereiztheit, gar Feindschaft, entsteht,
bieten sie in Demut
den Kropf ihrem Nachbarn,
damit er sich labe
und so zum Frieden geneigt bleibt.

Dass für Geschöpfe wie diese
nur ein entlegenes Inselreich taugt,
wundert uns nicht, auch nicht

das leuchtende Rot des Gefieders.



Mir

Lernt, sagten sie einst,
die Sprache des Feindes,
denn er ist euer Freund.
Wir lernten,
vergaßen.
Warum Russisch,
fragt man uns jetzt,
und wir reden von der Größe des Landes,
vom Potential seiner Wirtschaft,
von Dostojewski und Puschkin -
Gründe genug,
Russisch zu lernen.
Aber da ist, sag’ ich,
noch einer, heißt: „mir“.
“Mir“ heißt der Grund,
der mir mehr ist als alle;
“mir“, kleines Wort,
das zwei Dinge vereint,
so nobel und groß,
daß ein Wunder geschieht,
wenn beide sich finden.
Wenn beide sich einen
als Friede und Welt.




Herr Johann Peter Greifenstein-Nenderoth

Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Katharina Jäschke: Früher-dort



Auf ihrem täglichen Gang über die endlos flache, küsten­grüne, bis zum Horizont einsehbare Weidelandschaft Nord­deutschlands begleitet die Frau stets das stille Glockengeläut des alten Breslauer Domes. Tag für Tag, Jahr um Jahr geht die Frau hier. Sie ist alt geworden und scheint wie das pastellblass verlaufende Sonnenlicht am Abend langsam zu erlöschen.
Pflichtbewusst hebt sie ihre müden Füße, Schritt für Schritt. Noch immer trägt sie ihre Nachtschatten farbenen Kleider, beschützt von einer ärmellosen Kittelschürze, früher aus grob gewebtem Leinen, heute aus leichtem, in der Sonne stumpf glänzendem Nylon. Abwechselnd erblühen darauf weiße Blümchen auf rosarot, lindgrün oder veilchenblau. Unverän­dert blickt die Frau aus traurig wissenden Augen, steif und unnahbar. Sorgfältig formt sie die weißer gewordenen Haare am Hinterkopf zu einem winzigen, altmodisch gewordenen Dutt. Tief haben sich Falten der Bitternis in ihr bleiches Gesicht gelegt.

Noch immer schiebt sich am Morgen der apfelsinenrote Sonnenball über die tiefe Horizontlinie, spiegeln die Wolken­streifen dieses frühe Licht wie ausgelaufenen roten Wein, und noch immer besänftigen oder bejubeln die am Abend aus dem scheinbaren Nichts erstrahlenden Planeten die Mühsal und die Freuden eines jeden Tages. Auch die alte Frau geht noch immer, ihre Schritte hallen über die Wiesen, so als schreite sie über einen gepflasterten Weg. Noch strebt sie voran. Stolz und verschlossen hütet sie ihr Geheimnis um viele vergan­gene, niemals zu heilende Verletzungen, die sie tief in sich vergraben hat. Ihr Blick scheint oft abwesend und erstarrt, nie schaut sie besänftigend, gütig oder freut sich lachend, schrankenlos. Manchmal scheinen ihre Schritte kürzer und schwerer zu werden, aber noch immer läuft sie ihren täglichen Gang.
Über die Deiche weht oft ein starker Wind aus Nordwest, trägt Wasser für die kommenden Sturmfluten herbei, aber je stärker der Wind drückt, um so deutlicher kann sie von Osten her die verklungenen Glocken hinter unsichtbaren Bergen hören.

Seit dem letzten Jahr wird die alte Frau oft von einem Kind begleitet. Es stolpert, rennt und umspringt die schweigsame Frau, greift immer wieder schutzsuchend nach ihrer großen, starken Hand. Ab und zu weht dann ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Aber selten nur hält sie an, um sich von dem Kind am Wegrand Entdecktes zeigen zu lassen. Schau einmal, die Schafe. Schau einmal, eines ist schwarz. Und ein winziger junger Zeigefinger bohrt sich forschend in die Luft, weist hinüber, auf die von Wasseradern durchzogene Land­schaft, auf die Weide, zu den Deichen.

Gleichmütig, unbeirrt setzt die Frau ihren Gang festen Schrittes fort. Sie geht so, wie sie immer, seit ihrer Mädchen­zeit, gegangen ist. So, als müsste sie noch heute ein tägliches Ziel unbedingt und pünktlich, ohne vom Weg abzuweichen, erreichen.

Manchmal redet die Frau in einer dem Kind unbekannten Sprache, erzählt ihm Geschichten von einem fremden, fernen, scheinbar untergegangenen Land. Das Kind nennt es: früher dort. Gemeinsam entdecken sie dieses Land mit den anderen Sommern und den anderen Wintern, erkunden es wie eine noch unerforschte, kristallglitzernde Höhle. In diesem früher dort finden die fremden Laute ein freundlich tönendes Echo und sie verhallen schwerelos, wie ein bunter Regenbogen. Aber schon das plötzliche nahe Bellen eines Hundes kann das Kind wieder von der Frau entfernen, es blickt auf und sieht in eine lockende Zeit voller Lärm, vertrauter Stimmen, reizvoller Gerüche und greifbarer Dinge.
Oft beobachtet das Kind die alte Frau, wenn sie mit Menschen redet, die wie sie aus diesem fernen Land stammen. Es hört die Worte, deren Sinn es nur bruchstückweise erraten kann. Neugierig saugt es diesen melancholischen, rätselhaften Klang in sich auf. Es beobachtet, wie die Alte immer wieder die gleichen Geschichten erzählt, die in dem fremden Land mit den vielen unbekannten Menschen spielen. Das Kind ahnt, dass die fröhlichen Geschichten immer nur ein zusammenhangloser Abschnitt aus einer vergangenen Zeit, dass sie lückenhafte, kleine junge Lebensfetzen der alten Frau sind, dass in die Fröhlichkeit ein nicht zu zerreißendes Netz aus Wehmut und Bitternis gewoben ist und dass die fehlenden Mosaiksteine unaussprechlich und unerfragbar sind und nur in dieser ihm so fremd klingenden Sprache andeutungsweise genannt werden dürfen.
Das Kind steht abseits, die Höhle ist jetzt verschlossen. Es fühlt sich schuldig, weil es Worten lauscht, die Schlimmes bezeichnen und vorsichtig Schmerz andeuten, Worte wie: der Krieg, der Russe, der Pole, die Flucht, damals, früher dort. Unerlaubte Worte sind es, Worte nur für Erwachsene.

Das Kind wird die alte Frau noch einige Monate auf ihrem Weg begleiten, wird dann, wie ein Junge Jahre zuvor eine Zeit lang auf einem kleinen Fahrrad neben der Alten radeln, dann aber immer seltener neben ihr zu sehen sein und eines Tages ganz ausbleiben. Auch für dieses Kind wird die Zeit beginnen, in der es den ewig gleichen Erzählungen der Alten nur noch ungeduldig lächelnd folgen wird. Eines Tages wird das Kind es zum ersten Mal wagen, den vorsichtigen Redestrom der Alten schon am Anfang zu unterbrechen, um den Schluss, den es nun schon oft gehört haben wird, vorwegnehmend selbst zu erzählen. Das Kind wird davonstürmen, sich nicht mehr in der Höhle verkriechen, es wird leben wollen in seiner eigenen, lebendigen Welt.

Noch immer geht die alte Frau ihren Weg, einsam hört sie die verklungenen Glocken vom Breslauer Dom. Täglich noch trotzt sie dem Wind des norddeutschen Flachlandes. Ihr Kleid ist schwarz geworden, nur die bunten Farben ihrer Schürze wechseln, wie der Mond vom Neumond zum Vollmond und wieder zum Neumond wird.
Sie zählt die Verstorbenen, trifft immer seltener Lebende, um sich mit den von ihrer Kindheit her vertrauten Klängen zu umhüllen. Immer weniger wird sie von früher erzählen und das Glockengeläut vom Breslauer Dom wird schwächer gegen den scharfen Nordwestwind zu hören sein. Bald wird es verstummen und die alte Frau wird nicht mehr die frisch ausgehobenen Gräber zählen, sie wird endlich angekommen sein.



 Frau Katharina Jäschke Wiesbaden;


Text aus dem Schreibwettbewerb Friedenslesung 2011 des Kulturring in Berlin e.V.