Montag, 22. August 2011

Peter Suska-Zerbes: Die Pusteblume

Unaufhaltsam nähern sich die heißen Tage des Sommers. Selbst werde ich ihn nicht mehr erleben, denkt Pia, die Pusteblume, halb traurig, weil ihre Zeit, der Frühling, vorbei ist, halb gespannt, was jenseits dieser Blumenwiese auf sie wartet.
Tief versunken in ihren Abschiedsschmerz gleitet ihr Blick achtsam an ihr herunter. Ihre Blätter kauern matt am Boden, beginnen langsam vor sich hinzuwelken, werden überall trocken, brüchig. Wo sind die Tage als diese Blätter saftig-grün nach oben ragten, mit scharf geschwungenen Zähnen, die ihrer Art von Frühlingsboten den stolzen Namen ´Löwenzahn´ eintrugen?
Da, wo einst ihr dotter-gelber Blütenkopf die Bienen zur Rast einlud, schwingt jetzt im zarten Hauch des Morgenwindes ein grau-weißes Kugelgespinst, fein und sehr zerbrechlich. Wehmütig betrachtet sie eine weitere kleine Spore, die sich löst, davon schwebt, irgendwo verschwindet zwischen den anderen ebenfalls alt und zerbrechlich gewordenen Pusteblumen, die in Tausenden und Abertausenden auf der Wiese dicht nebeneinander stehen.
Bedrückt erinnert sie sich an den Tag ihrer Jugend, als dieser Heilige in einfacher Kutte ihnen vom tiefen Frieden predigte. „Gelobt und gepriesen sei das Eine, durch euch Schwestern Blumen, und Frieden denen, die ihn in innerer Betrachtung suchen“, sprach er sie damals freundlich an. Begeistert erzählte er dann, das Eine, die nie-vergehende Einheit, sei in allem und allen zu finden, auch in ihnen, den leuchtend gelben Blumen, wenn sie nur zu sehen und hören verstehen würden.
Die meisten der angesprochenen Blumen prusteten los, lachten hinter vorgehaltenem Blättern, wendeten sich ab, schüttelten missbilligend ihre leuchtend-gelben Blütenköpfe, raunten sich gegenseitig zu, sie hätten wahrlich anderes zu tun, als einem solchen religiösen Spinner zuzuhören.
Pia aber hatte sich nicht abgewendet, hatte sie sich doch immer nach einer Liebe, nach einem Frieden gesehnt, die nie verging. Der einfache Mönch schien ihre stumme Frage zu verstehen, denn gleich legte er dar, jede der Blumen könne den wahren Frieden in sich und um sich entdecken, so sie nur all ihre Missgunst, Ihre Gier und ihre Eitelkeit aufgeben würden. Dann sei es möglich, die letzte Stille in sich zu erfahren. „Seid bereit, in euch hineinzuhorchen, dann wird der ewige Frieden sich in jedem von euch in all seiner Tiefe offenbaren.“
Die wenigsten hörten diesem seltsamen Heiligen, wie sie ihn nannten, überhaupt noch zu, hatten sie sich doch längst wieder ihrem Tagesgeschäft zugewendet, trugen den üblichen Wiesenklatsch untereinander weiter, aber Pia merkte sich jedes seiner Worte.
Von diesem Tag an war die Pusteblume wie ausgewechselt. Niemals mehr klagte sie darüber, dass sie ja nur eine von vielen auf dieser fast gelben Blumenwiese sei, hörte statt dessen jeder ihrer vielen Schwestern geduldig und aufmerksam zu, schenkte hier Trost, gab dort Rat, diente ihnen wie ihre geringste Magd, widmete sich ansonsten ganz dem inneren Schauen und Betrachten. Kurz, die Pusteblume tat es genauso, wie dieser Bettelmönch es die Blumen der Wiese gelehrt hatte.
So zogen viele gute und weniger gute Frühlingstage ins Land, und keiner verging, ohne dass sich die Pusteblume nicht ganz ihren frommen Betrachtungen und Werken hingab.
Aber je mehr sich die Pusteblume bemühte, den Frieden in sich zu finden, je weiter schien er von ihr fern zu sein. So betete sie eines verregneten Morgens in all ihrer Inbrunst, als sie bereits all ihre anfängliche Sicherheit und Zuversicht verloren hatte: „Niemals werde ich an der Liebe und den Frieden zweifeln, wenn mir nur ein kleines Zeichen der Allmacht gegeben wird. Ich weiß, große Wunder wurden gewirkt, Kranke geheilt, Blinde sehend gemacht, und Lahme konnten wieder laufen. Nichts dieser Art verlange ich. Ein ganz, ganz winziges Wunder würde mir als Zeichen der Liebe genügen.“
Erwartungsvoll sah und horchte die Pusteblume danach um sich, aber nichts geschah. Nichts an diesem Tag, und obwohl sie täglich ihr Gebet immer sehnsüchtiger wiederholte, auch nichts an den vielen darauffolgenden Tagen.
Nein, sie verlor nicht ihren Glauben an den ewigen Frieden in ihr, zumindest nicht dauerhaft, denn die Hoffnung auf ihn, wie sie dieser Wandermönch allen Wesen der Wiese gepredigt hatte, verließ sie nie ganz. Sie war davon überzeugt, wenn sie sich nur ausreichend bemühte, würde er ihr ersehnte Gewißheit in der Form eines kleinen Wunders schon gewährt werden.
Bedrückt wendet die Pusteblume auch jetzt sich wieder ihrem Bittgebet zu: „Jetzt am letzten Tag meines Lebens könnte doch ein kleines Wunder geschehen, damit ich im Tod nicht verzage.“ Wie viele Male vorher ist die Pusteblume sich nicht sicher, was sie genau erwartet, aber sie zweifelt nicht daran, dass sie den Frieden in sich erfahren könnte.
So wartet sie Stunde um Stunde. Vergeblich!
Wieder nichts!, denkt sie verzweifelt. Still beginnt die Pusteblume vor sich hinzuweinen, aber plötzlich hört sie eine innere Stimme, die ganz sanft zu ihr spricht: „Pia, du musst die Welt um dich herum nur richtig betrachten, wirklich in sie hineinhorchen.“
Was heißt ´wirklich´?“, fragt die Pusteblume.
Mit Liebe.“
Was heißt mit ´Liebe´?“ fragt sie verunsichert nach.
Mit deinem ganzen Herzen.“
Obwohl die Blume eine gute Weile wartet, in der sie sehnsüchtig mit immer neuen Fragen drängt, bleibt es ganz still. Nichts!
Hat sie sich diese Stimme vielleicht nur eingebildet? Wieder strengt sie sich mit all ihrer verbliebenen Kraft an. „Was soll ich denn tun?“
Nichts, als ein sanfter Wind, der um ihren Zarten, kugelförmigen Kopf streichelt, das Summen einer Biene, die nach einem gelbgebliebenen Löwenzahn Ausschau hält, das Zirpen einer Grille. Aber mit einem Mal wird die Pusteblume ihrer kleinen Wiesenwelt ganz anders gewahr, nachhaltiger, eindringlicher, so als wenn sie die Natur um sie herum noch nie richtig erfahren hätte.
Da ist das leise Zwitschern eines Vogels, der in einem nahestehenden Baum hin und her huscht, am blauen Himmel, eine große Schar von Vögeln, die wie auf ein geheimes Kommando immer wieder die Richtung ändert, ein Tropfen Tau, der still und sanft an ihrem Stengel herunterrinnt.
Nichts, was sie eigentlich nicht schon hunderte Male sah, hörte, fühlte, und doch war da etwas, was sie nie in ihrem innersten Geheimnis gewahr geworden war. Sagte dieser Bettelprediger nicht, dass in allem und allen die Stille, der Frieden zu Hause sei?
Die Pusteblume hatte die ganze Zeit nie verstanden, dass diese Welt in ihrer Tiefe nicht so ist, wie sie ihr schien. Und doch ist es dieselbe Schöpfung, die sie jetzt in ihrer ganzen Vielfalt und Herrlichkeit betrachtet, mit dem Unterschied, dass sie, jetzt am Ende ihres Lebens, dem inneren Frieden endlich begegnet, nachdem sie sich so lange sehnte.
Wieso erst jetzt,?, fragt sie mit einem tiefen Seufzer.
Der Frieden, die innere Stille war immer da, Pia. Die ganze Zeit.“
Aber warum… warum habe ich den inneren Frieden bisher nie sehen, hören und fühlen können?“, fragt die Pusteblume.
Das ist ganz einfach. Du warst nie bei dir, warst nie in dem Frieden in dir.“
Nie bei mir? Aber wieso? Wo sollte ich anders gewesen sein?“
Mit deinen Gedanken warst du ständig unterwegs, wolltest dies, wolltest das, und von einem Wunder hast du etwas Aufsehenerregendes, etwas Ungewöhnliches erwartet. Vergeblich hieltest du nach etwas nie Dagewesenem Ausschau, statt das zu sehen, was wahrhaft um dich herum und in dir ist.“
Das stimmt“, gibt die Pusteblume traurig zu. „Solange ich etwas Außergewöhnliches suchte, erkannte ich nicht das große Wunder, das d bereits in der unfaßbaren Schöpfung geoffenbart ist. Der innere Friede wird dem geschenkt, der bereit ist, einfach nur in sich zu lauschen, der bereit ist, ihn als Geschenk anzunehmen. Er ist nichts, was man haben, besitzen kann. Oh, hätte ich wahrhaft zu sehen, zu hören, zu erfassen verstanden, hätte ich doch nur früher erkannt, dass der Frieden, das Schweigen der Seele in allem und allen zu finden ist, denn dieser innere Friede ist mehr als eine Sache, das man besitzen kann.“


(20,8 P.)

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