Montag, 31. Januar 2011

Denis Smajlagic: Das Kind

Sein Dorf in Flammen
es stinkt nach Tod
nichts bewegt sich
die letzten Schreie sind verstummt
Blutgetränkt
der schmale Weg
unweit der Hütte seines Vaters
die Landschaft schrecklich gezeichnet
und dort liegt es
von Kugeln durchlöchert
es war erst zwölf
und dreizehn wird es niemals werden

Sonntag, 30. Januar 2011

Erhard Scherner: Für ja wen denn sonst

  Das zählt zu den Wunderdingen:
 
  Manchmal hör ich ein Singen
   
hinter den Bäumen,
 
  fremdländisch ein Lied
   
so heimelig nah.
 
  In meinen krausen Träumen
   
bist du fort und bist immer da.
  
Wie gern schrieb ich dir ein liebes Gedicht.
   
Krieg ist. Da klingt es nicht.

Samstag, 29. Januar 2011

Thomas Pielke: Vietnam

 Langsam und vorsichtig, ohne dabei eine schnelle Bewegung zu verursachen, schob Thu ein dunkelgrünes Palmenblatt zur Seite und spähte hinaus. Was sie sah, ließ sie erschaudern. Ihr Heimatdorf Son My war von jeglichem Lebenszeichen leer gefegt. Auf den Straßen waren keine spielenden Kinder zu sehen. Stattdessen stiegen vereinzelt dunkle Rauchwolken auf. Zunächst lauschte die sechzehnjährige Vietnamesin und als sie, außer dem Rauschen des Windes durch die tropischen Bäume, keinen Laut vernehmen konnte, traute sie sich aus ihrem Versteck heraus. Schritt für Schritt kam sie dem Rand des Dorfes näher, während sich ein mulmiges Gefühl in ihr breit machte. Zwischen den einfachen Häusern aus Stein und Holz angekommen, verließ Thu ihre Kraft und sie sackte zu Boden. Im staubigen Dreck kamen die Erinnerungen des Tages zurück in ihren Kopf gestürmt.
Die junge Vietnamesin war am Morgen, wie jeden Tag, früh aufgewacht. Doch plötzlich, als sie gerade dabei war, ihren morgendlichen Reisbrei zu sich zu nehmen, ertönte das Rattern von schweren Hubschraubern über dem Dorf und die Hölle schien über die Welt hereinzubrechen. Gewehrkugeln durchbrachen die hölzernen Wände ihrer elterlichen Hütte und hinterließen Löcher in Boden und den kargen Möbeln. Reflexartig duckte sich Thu unter den Esstisch und verharrte regungslos. „Jetzt ist der Krieg auch zu uns gekommen.“, dachte sie in diesem Moment und blickte sich panisch um, bis sie ihren Bruder unter einer Sitzbank in der Ecke kauern sah. Mit einer beruhigenden Handbewegung gab sie Diem, der vier Jahre jünger als sie selbst war, zu verstehen, dass er an seinem Platz verharren sollte. Eine weitere Salve, deren tödliche Kugeln genau zwischen Thu und ihrem Bruder einschlugen und dabei Holzsplitter aus dem Boden rissen, ließ sie schlagartig zusammenzucken. „Was wollen die hier?“, flüsterte Diem durch den Raum, so dass seine Schwester ihn gerade verstehen konnte. „Ich weiß es auch nicht!“, antwortete Thu mit fester und gleichzeitig beruhigender Stimme. Instinktiv tat sie das, was wohl jede große Schwester tun würde: Ihrem Bruder Mut zureden ihn und beschützen wollen. „Bleib bitte da wo du gerade bist. Es ist bestimmt gleich vorbei.“ Tatsächlich entfernten sich die Einschläge der automatischen Kanonen langsam und mit ihnen auch das Rattern der Rotoren. Vorsichtig kroch Thu unter dem Tisch hervor. „Bleib da!“, zischte sie ihrem Bruder zu, bevor sie die Haustür einen Spalt öffnete und hinaus spähte. „Niemand zu sehen.“, informierte sie Diem, um sich sofort danach ein Herz zu fassen und die Tür nach draußen zu durchschreiten. Trotz der morgendlichen Stunden schlug der jungen Vietnamesin bereits eine feuchte Hitze entgegen. Die Straße schien wie leer gefegt. So gut wie alle Bewohner des Dorfes Son My hatten sich während des kurzen, aber schnellen Angriffs in ihre Hütten geflüchtet. Thu begann einem Weg zu folgen, der sie aus der Siedlung hinaus und zu einem nahe gelegenen Reisfeld führte. Ein Blut überströmter Mann saß an eine Häuserwand gelehnt. Sein Kopf war auf seine Brust gesunken und seine Augen geschlossen. Tränen liefen aus Thus mandelförmigen Augen und die honigfarbenen Wangen hinab, doch sie konnte sich nicht um das einzelne Schicksal kümmern und wendete ihren entsetzten Blick von der durchlöcherten Leiche des Mannes, den sie nur zu gut, wie alle Menschen des Dorfes, kannte, ab. Thus Ziel war es, das Reisfeld zu erreichen, auf dem ihre Eltern täglich arbeiteten um das Überleben ihrer Familie zu sichern. Um das Wohlergehen ihrer Eltern sehr besorgt, verfiel sie in einen schnellen Gang durch die immer noch menschenleeren Hütten des Dorfes. Plötzlich blieb sie stehen und wäre am liebsten, so schnell sie ihre Beine nur tragen konnten, zurück gerannt, doch eine Art unsichtbare Barriere schien sie an der Stelle festzuhalten, an der sie stand. Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete Thu, wie dutzende schwer bewaffnete Männer in Tarnanzügen auf den Rand des Dorfes zu liefen. Sie schienen von überall zu kommen. Sie liefen die Straße entlang und brachen durch das Unterholz des dichten Waldes hinaus. Nach endlos scheinenden Sekunden konnte sich die Vietnamesin endlich aus ihrer Starre befreien, doch da war es bereits zu spät. Von hinten packten sie zwei starke Hände mit brutaler Kraft und rissen sie zu Boden. Mit dem Gesicht im staubigen Sand liegend konnte Thu erkennen, wie die Kameraden des Mannes, der sie gerade niedergeworfen hatte, in die Hütten, rechts und links des Weges, einfielen. Schrille Schreie, gefüllt mit Todesangst und tiefer Panik, drangen aus den hölzernen Gebäuden. Thu wurde grob an der Rückseite ihres T-Shirts gepackt und über den Boden schleifend in die nächste Hütte gezerrt. Die Augen der jungen Vietnamesin füllten sich mit Tränen der schieren Angst. In dem hölzernen Gebäude angekommen, ließ ihr Peiniger sie los und Thu kroch schnell in die nächste Ecke, in die sie sich schützend kauerte. „Was soll das?“, fragte sie den starken, weißhäutigen Mann, der sie grinsend anstarrte. Er antwortete in einer für Thu unverständlichen Sprache. Sie konnte lediglich ein Wort des Kauderwelsch verstehen „Gock“. Ein Schimpfwort der amerikanischen Soldaten welches die vietnamesische Bevölkerung umschloss. „Diese Männer sind Amerikaner!“, schoss es ihr durch den Kopf. „Warum tut ihr das?“, fragte sie wimmernd. „Ihr seid doch hierher gekommen um uns von der Diktatur zu befreien. Warum tut ihr uns das an?“ Doch statt Worte, folgten grausame Taten als Antwort. Der Fremde in seiner Tarnuniform beugte sich über Thu hinab und zog sie an ihren Armen hoch. Mit einer weiteren, sehr schnellen Bewegung hatte er sein Opfer auf den nächsten Tisch geschleudert und ihr die Shorts von den Beinen gerissen. Mit aufgerissenen Augen starrte Thu den Mann an. Doch im nächsten Moment schloss sie diese wieder und schrie qualvoll auf, als sie ungeahnte Schmerzen in ihrem Unterleib verspürte. „Warum tust du das?“, schluchzte sie immer wieder. Aber als Antwort bekam sie nur ein erregtes Stöhnen. Nach Minuten, die einer Unendlichkeit gleich zukommen schienen, ließ der Soldat von seinem Opfer ab und verließ die Hütte. Thu lag immer noch, mit heruntergelassenen Hosen auf dem hölzernen Tisch. In ihrer Angst und unter den Qualen schien ihr Geist den Körper verlassen zu haben. Langsam kam ihr Bewusstsein zurück und brachte entfernte Schreie und das Rattern von automatischen Gewehren mit sich. Mit einem Satz war sie auf ihre Beine gesprungen, drohte aber sofort wieder wankend umzufallen. Die ihr zugefügte Gewalt hatte nicht nur ihren Geist, sondern auch ihren Körper geschwächt. Doch nach wenigen Sekunden war das Schwindelgefühl verschwunden und Thu zog ihre Hose hoch. „Ich muss hier weg.“, flüsterte sie leise. Die Tür der kleinen Hütte wurde schlagartig aufgestoßen. In der Angst, ihr Peiniger würde zurückkommen, sprang Thu hinter ein Fass, welches in der Ecke stand. Doch sie täuschte sich. Ein alter Mann, sie kannte ihn nur zu gut, er war ihr Lehrer, kam herein getorkelt. Sein eigentlich weißes Hemd, war fast komplett mit dem Rot seines eigenen Blutes getränkt. Er machte einen Schritt nach vorne und schaute sich in der Hütte um, doch im selben Augenblick erschien ein hoch gewachsener Mann in Tarnkleidung im Türrahmen. In seinen Händen hielt er ein Gewehr, aus welchem, unter Mündungsfeuer, Kugeln austraten und das Fleisch des alten Mannes durchschlugen. Während der Schütze genauso schnell wieder verschwand, wie er erschienen war, stürzte der Lehrer mit einem Stöhnen auf den hölzernen Tisch, auf dem Augenblicke zuvor noch Thu gelegen hatte und begrub ihn krachend unter sich. Das Mädchen erschrak. Sie musste mit ansehen, wie der Mann, den sie schon seit ihrer frühesten Kindheit kannte, qualvoll aus der Welt schied. Mit einer neu gefassten Entschlossenheit stand sie aus ihrem Versteck auf und Schritt langsam auf die geöffnete Tür zu, während aus den Straßen immer noch die Geräusche von Kämpfen an ihre Ohren drangen. Vorsichtig schaute sie aus der Tür erst nach Rechts und dann nach Links. Sie konnte erkennen, wie mehrere der Dorfbewohner auf dem Marktplatz am Ende der Strasse erschossen wurden. Angewidert wandte sie ihren Blick ab und lief los, so schnell sie ihre Beine nur tragen konnten. Hölzerne Hütten und Häuser schienen nur so an ihr vorbei zu huschen und nach wenigen Augenblicken konnte sie unbehelligt den Rand tropischen Waldes erreichen, von dem das Dorf umschlossen war. Sie bahnte sich einige wenige Meter durch das dichte Grün der Palmen und Büsche und merkte, wie ihre Beine nachgaben. Sie hatte keine Kraft mehr sich aufrecht zu halten und sackte in sich zusammen.
Thu verdrängte die Erinnerung an die frühen Stunden des Tages und stand von dem Staubigen Grund der Straße auf. Sie durchwanderte die Wege zwischen den einfachen Häusern, wagte aber keines davon zu betreten. Die Straßen waren mit dutzenden von Leichen bedeckt. Sie konnte unter ihnen keinen einzigen Soldaten ausmachen, es handelte sich nur um die toten Körper der Dorfbewohner. Die junge Vietnamesin schauderte. Sie war mit diesen Menschen aufgewachsen, hatte sie jeden Tag gesehen, mit ihnen gesprochen und ein gemeinsames Leben geführt. Doch jetzt waren sie teilweise bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie blickte in Gesichter, die keine klaren Züge mehr aufwiesen, sondern nur noch aus einer blutigen Masse bestanden. Thu hätte am liebsten laut geweint, doch aus ihren Augen traten keine Tränen hervor und ihre Kehle schien wie zugeschnürt. „Diem!“, flüsterte sie und ihre Schritte wurden schneller und schneller, bis sie in ein rasantes Laufen verfallen war, welches schlagartig ein Ende fand, als sie an der Hütte ihrer Eltern angekommen war. Langsam drückte sie mit ihrer Hand gegen die Tür, die daraufhin quietschend zurück schwang. „Diem?“, wiederholte sie in das Halbdunkel des Wohnraums. Doch der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihre Hoffnung auf eine Antwort ihres Bruders schnell im Keim ersticken. Diem lag mit ausgestreckten Gliedmaßen auf dem Boden des Raumes. Seine Augen waren geschlossen und sein Kopf schien in einer roten, zähflüssigen Masse gebettet zu sein, während seine Stirn einen einzelnen, ebenso roten Punkt aufwies. „Diem“; rief Thu panisch und sank neben dem kalten Körper ihres Bruders zu Boden. Doch auch jetzt, vom Tod ihres Bruders mit Trauer überwältigt, wollten keine Tränen über ihre Wangen fließen. Es schien, als dass das Leid, von welchem sie an diesem Tag Zeuge geworden war, ihre Tränen hatte versiegen lassen. Langsam, dabei den Blick starr auf das friedlich, fast schlafend wirkende, Gesicht ihres Bruders gerichtet, stand Thu auf. Sie musste los lassen und versuchen, mit der tiefen Hoffnung, dass sie noch lebten, ihre Eltern zu finden. Thu verließ die Hütte, welche ihr seit ihrer jüngsten Kindheit ein Heim geboten hatte. Innerlich wusste sie, dass sie nie wieder auch nur eine Nacht in dem kleinen Gebäude verbringen würde. Sollten mehr Menschen als gedacht den Tag überlebt haben und in das Dorf zurückkehren, würde sie jedoch die Ferne suchen und wenn möglich nie wieder in ihrem Leben diesen Ort besuchen. Langsam schritt sie die Strasse hinab, die zu den Reisefeldern führte, auf den ihre Eltern täglich hart arbeiteten um ihre Kinder zu ernähren. Erst jetzt, wo das Dorf mit den Leichen und dem unendlichen Leid hinter ihrem Rücken verschwand und in der Ferne zu schrumpfen schien, stieg in ihr die Trauer empor. Sie erinnerte sich an die schönen Zeiten, die sie mit ihren Freunden und Verwandten in Son My verbracht hatte und daran, dass nichts mehr so sein würde wie noch einen Tag zuvor. Die Hölle war an diesem Tag über das kleine vietnamesische Dorf herein gebrochen und hatte das Leben der wenigen Überlebenden für immer verändert.
Das letzte, was Thu je hören sollte, war das Klicken des Zünders der Landmine, auf die sie in diesem Moment der tiefen Traurigkeit getreten war.

Freitag, 28. Januar 2011

Richard G. Richter: Das besondere Denkmal zu Vahren

 Im Lande stehen überall
Kriegerdenkmäler in großer Zahl,
vor denen sich Häupter senken zu
der Toten stillem Gedenken.
 
In Vahren, an der Dorfstraße fand
ich ein Mahnmal, das dort stand,
kein Krieger mit Waffen dahinter.
Hier steht eine Witwe mit Kindern.
 
Ihre Haltung klagt stumm an:
Wer hat uns dies warum angetan?
Allein in der geschundnen Welt
blieb sie und drei Kinder Der Vater fehlt.
 
Weltkrieg I. Weltkrieg II.
Es war stets Mord und Meuchelei.
Millionen unschuldige Menschen starben.
Wer überlebte, musste hungern und darben.
 
Wie muss der Künstler den Frieden schätzen,
den Frauen und Kindern das Denkmal zu setzen!
Die leicht beschädigte bronzene Aufschrift heißt:
1914/1918. 1939/1945. KRIEG VERWAIST.
 
Das „T“ fehlt. Wurde nicht ersetzt.
Sind gleichgültig die Menschen jetzt?
Obwohl man immer noch Kriege führt?
Wacht erst auf, wer das Unglück selber spürt?

Donnerstag, 27. Januar 2011

Anja-Nicola Rößler: Souvenir

Angespannt.
Bewegungen im Sand.
Er. Oder
das Gewehr in der Hand.
Es riecht nach Moder
und Heimweh,
das sich zu ihnen in die Zelte gesellt.
 
Noch nie damit getötet?
Einer errötet.
Naseweis verstört,
erschreckt betört
laufen sie mit.
 
Ein Knochen als Souvenir.
Während in Guben
die Gruben leer bleiben.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Franziska Röchter: dann seht doch zu

 
nie wieder sprengsätze miterleben
wenn deine halsschlagader schwillt
nie wieder widerworte geben
wenn munition dir aus taschen quillt

nie wieder
mundwinkel von dir malen
wenn sie merkelig schwerkraftgeplagt
nie wieder all die todesqualen
wenn im gehirn dir der satan nagt

und auch erst recht nicht der infamen
teufelsausgeburt höllengeschrei
nie mehr das aufgehn von fehlsamen samen
doch dafür wieder vogelfrei

nie wieder
leben in minengurten
antizipierender supergau
und auch nie wieder in wüsten spurten
nie wieder ich als soldatenfrau

nie wieder einheiten rekrutieren
deserteure der obergewalt
die in verschiedene richtung marschieren
kriegsverräter und eiseskalt

möchte nie wieder kommandos befehlen
nur für den gleichschritt im bataillon
werd meine flügel mit frieden beseelen
euch fehlt jegliche staatsräson

Dienstag, 25. Januar 2011

Björn Reusch: Sie brachten den Frieden

  Ich rannte durch die kleinen Gässchen unseres Viertels. Ich rannte und rannte so schnell ich konnte, ich musste doch pünktlich sein. Der kalte Wind peitsche mir ins Gesicht und meine Augen fingen an zu tränen, aber ich durfte einfach nicht zu spät kommen. Endlich kam ich bei unserem Haus an, schon draußen konnte ich gedämpft verschiedene Stimmen hören, die sich eifrig unterhielten: ich war zu spät. Ich holte einmal tief Luft und öffnete die Tür.

Da saßen sie. Die ganze Verwandtschaft war aus allen Teilen des Landes zu Besuch und trank gerade Tee. Ich verbeugte mich und begrüßte meine Onkel und Tanten so, wie es die Sitte verlangte. Ich ließ mir nichts anmerken, aber in mir stieg dieses panische Gefühl auf, denn alle Plätze waren besetzt, bis auf einen. „Aito-chan, du kannst dich neben deinen Onkel Sikora setzen.“ Ich blickte schluckend auf meinen Onkel aus Hiroshima. Schon vor dem Öffnen der Tür war mir klar gewesen, dass nur dieser Platz frei sein konnte, da niemand etwas mit ihm zu tun haben wollte.
Mein Onkel hatte ein absolut entstelltes Gesicht. Zwar trug er immer weiße Bandagen, doch waren diese recht lose und an einigen Stellen konnte man sehen, dass die Haut in Fetzen herabzuhängen schien. Außerdem war er komisch. Während sich die anderen über Politik und Sport unterhielten, saß er immer schweigend da und starrte melancholisch aus dem Fenster. Wollte er sich dann mal in die Gespräche einmischen, wurde er einfach ignoriert. Niemand schenkte ihm auch nur einen Blick. Er tat mir leid, doch einmal hörte ich wie Onkel Nakamami zu seiner Frau flüsterte: „Das ist ansteckend, komme Sikora bloß nicht zu nahe, wenn dir dein Leben lieb ist“. Und das machte mir Angst, panische Angst. Ich wollte nicht so aussehen und auch nicht so einsam sein, wie er.
Ich lächelte meine Mutter an und setzte mich artig neben meinen Onkel. Er blickte mir in die Augen und sagte etwas zu mir, das ich nicht verstehen konnte. Ich denke, er hatte das freundlich gemeint, mir jedoch kam es vor, als spräche eine wiederauferstandene, halb verweste Mumie zu mir. Ich erwiderte diese Geste mit einem Lächeln. Der Schweiß floss in Strömen meinen Rücken hinab. Es kostete wahnsinnig viel Kraft nicht einfach aufzustehen und weit wegzurennen.
Als Ablenkung versuchte ich das Gespräch meiner Gegenüber aufzuschnappen, um mich vielleicht einmischen zu können. Aber mein Onkel tippte mir auf die Schulter und deutete auf seine leere Tasse. Ich schenkte ihm sofort Tee ein und wollte mich erneut von ihm abwenden, als er zu mir in absolut klarer Sprache sagte: „Komm näher mein Kind, ich will dir etwas erzählen.“ Im ersten Moment war ich zu irritiert, um etwas anderes zu tun, als ihn anzustarren. Ich fragte mich, warum er plötzlich so klar und verständlich sprach. Ich rückte näher, aber nicht zu nahe. Ich merkte, wie die Angst immer stärker wurde. Würden seine Bakterien nun auch mich befallen? Mir wurde schlecht, aber tapfer blickte ich ihm in die Augen und lauschte seinen Worten. „Ich kann sehen, dass ich auf dich abschreckend wirke. Ich bin nicht mehr ich, das sehe ich jeden Tag selbst im Spiegel. Angewidert wende ich mich dann wieder ab, träume von alten Zeiten, in denen alles noch in Ordnung war. Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber ich war einmal ein genauso stattlicher Mann wie dein älterer Bruder. Bis die Amerikaner kamen und ihre Engel des Todes auf unsere Stadt schickten.“ Er hatte wieder diesen leeren Blick und ich wusste nicht, ob das schon alles war, oder ob er weitersprechen würde. Doch dann fuhr er fort:
Das war an einem wundervollen, heißen Sommertag. Und es war mein erster freier Tag seit langem. „Im Krieg arbeitete ich in einer Fabrik, welche Patronenhülsen herstellte. Im Krieg musste jeder etwas für das Wohl des Staates tun. Aber an diesem Tag hatte ich frei und blieb zu Hause. Ein prächtiges Haus ein paar Kilometer vom Stadtkern entfernt. Meine Frau hatte leider nicht frei.“ Sikora schluckte tief und ich fühlte, dass er litt. Ich fragte mich, warum er mir das erzählte, hörte ihm aber weiterhin zu.
„Nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte, kniete ich einfach nur in unserem Garten und lauschte den Vögeln. Sie sangen wunderbar und seit langem fühlte ich mich wieder frei. Ich atmete tief den Duft der Blumen ein, ich beobachtete vergnügt das Schauspiel der beiden Eichhörnchen, die sich von Baum zu Baum hüpfend um eine Nuss stritten. Mal hatte das eine Hörnchen die Nuss, bis das andere wutentbrannt auf es sprang und ihm die Nuss stibitzte. Dann hörte ich es, wieder einmal der Lärm eines Flugzeuges. Sie waren in den letzten Tagen häufiger da gewesen. Ich ging ins Haus, um zu hören, was das Radio zu sagen hatte. Ich wollte es gerade einschalten, als ich einen heftigen Knall hörte. Das letzte was ich sah, war eine grelle Lichterscheinung, dann warf mich eine Druckwelle zu Boden und ich spürte, wie eine ungeheure Hitze die Kleidung in meine Haut brannte. Das war das Schlimmste, was ich jemals erlebt hatte. Als ich nach einiger Zeit aufblickte, konnte ich durch das Fenster eine riesige Wolke erkennen, so ungeheuer riesig, dass ich das Ende im Himmel nicht sehen konnte. Eine Wolke so schwarz wie die Nacht. Es war schrecklich. Ich richtete mich auf, um das Radio einzuschalten, doch ich hörte nur ein Knistern. Alles tat mir weh. Ich hörte Geschrei draußen auf den Straßen, das Geschrei ungeheuren Schmerzes. Geschrei so grell, dass es mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ich stand da wie gelähmt, wusste nicht, was zu tun war. Ich blickte panisch umher. Was war nur geschehen? Ich konnte es mir nicht erklären. Alles tat mir weh und ich hatte Mühe auf zwei Beinen zu stehen. Als ich hinaus auf die Straßen blickte, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ein Kind starrte mich an, sah mir direkt in die Augen. Der Anblick dieses kleinen Geschöpfes war grauenhaft. Die Haut schien sich zu einem Brei verwandelt zu haben, sie hing jetzt lose herab. Ich konnte an manchen Stellen das rosa Fleisch und die Knochen erkennen. Durch die Finsternis, die sich über die Stadt gelegt hatte und kein Sonnenlicht mehr auf die Erde hinab ließ, kamen mehr Menschen.“
Er machte eine kurze Pause und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Erst jetzt merkte ich, dass ich wieder ich selbst war. Die ganze Zeit schien es mir, als wäre ich selbst in diesem Haus und blickte jetzt über all das Elend. Schon lange hatte ich meinen Ekel vergessen und lauschte gebannt seinen Worten: „Aus dem Schatten der Stadt kamen mehr Menschen. Auch sie sahen einfach nur grauenhaft aus. Manchen waren die Augen so geschwollen, dass sie nichts mehr sahen und sich an andere Menschen festkrallten, um nicht verloren zu gehen. Sie flehten, sie schluchzten und sie weinten. Ich kann das ganze Elend nicht beschreiben, da es zu schrecklich ist. Ich bekomme heute noch manchmal Alpträume, in denen ich diese jämmerlichen Gestalten sehe, die sich mir nähern und ihre Augen sind so leer, eine Leere, die jeden in eine ungeheure Trauer versetzt. Ich wache auf, schweißgebadet und merke, dass meine Augen feucht sind. Ich konnte ihren Anblick nicht ertragen. Sie kamen in mein Haus und ich versorgte ihre Wunden so gut wie möglich. Ich reinigte ihre Wunden, aus denen dicker, gelblicher Eiter quoll und ich sprach ihnen Mut zu. Als ich mir endlich eine kleine Pause gönnen konnte, dachte ich an meine Frau, die in einem Krankenhaus in der Innenstadt arbeitete. Ich wusste, dass sie tot war.“
Tränen quollen langsam seine Wangen herab und auch ich konnte ein Schluchzen nicht verhindern. So etwas Grausames hatte ich noch nie gehört. „Ich wusste, dass sie das nicht überleben hatte können. Ich fühlte mich so einsam, eine schwarze Trauer nahm mir die Luft zum Atmen. Ich hasste diese Momente, in denen ich mich nicht in die Arbeit stürzen konnte, in denen ich nicht der anderen Leid lindern konnte, um das meine zu vergessen. Noch viele Monate versorgte ich die Kranken in meinem Haus. Ein übler Geruch hatte sich festgesetzt, der Tod schien zu Besuch. Ich erlebte viele Tode mit, ich war wie paralysiert. Kleine Jungen und Mädchen, die wimmernd um Atem rangen, bis auch bei ihnen die Kraft nachließ und sie der Tod umarmte.
Am 15. August erklärte der Tenno, unser Kaiser, die bedingungslose Kapitulation im Radio. Und auch hörte ich, dass das Schicksal unserer Stadt auch noch Nagasaki heimgesucht hatte. Diese Bomben der Amerikaner hatten den Krieg beendet. Der Krieg war beendet, aber auf welche Weise! Ich kann bis heute nicht verstehen, wie jemand solch grässliche Waffen einsetzen konnte. Die Amerikaner hatten Frieden durch Gewalt gebracht. Dabei waren wir wahrscheinlich nur Testobjekte für die neuen Waffen der Zukunft, für die Waffen des Teufels. Sie haben hunderttausende von Zivilisten getötet und Familien zerstört. Und auch an mir kann man die Folgen der Bombe erkennen. Schau mich an! Ich bin ein Monster, ein Wrack, ein Schatten meiner Selbst. Wir werden abfällig Hibakusha genannt und keiner will etwas mit uns zu tun haben.“ Seine melancholische Stimmung war in Wut umgekehrt. „Deine Mutter ist die einzige, die mich nicht vergisst und die mich noch einlädt. Diese Treffen hier sind die einzigen Lichtblicke in meinem Leben. Denn seitdem meine Frau aufgehört hat zu sein, fühle auch ich, dass ich innerlich aufgefressen bin und mein Körper einfach nur noch funktioniert. Das Elend der Menschenmassen hat mir gezeigt, wie grausam Menschen sein können und den Glauben an das Gute im Menschen habe ich schon lange vergessen. Denn das Gute scheint wohl eher die Ausnahme zu sein.“
Eine Stille hatte sich über den Raum gelegt und jeder starrte Sakura-san an. Einige hatten bei seinen letzten Worten beschämt auf den Boden geblickt. Und ich kann bis heute dieses unglaubliche Verbrechen nicht verstehen.